Interpretation: Woyzeck

Kann das dramatische Fragment Woyzeck als Eifersuchtstragödie in der Tradition des Othello gesehen werden? Die Motive Untreue und Eifersucht, die zweifelsohne einen zentralen Aspekt des Textes bilden, folgen einer zugänglichen Logik und legitimieren den Geschehensverlauf, können aber nicht als alleinig handlungstragend betrachtet werden. Woyzecks Tat ist als notwendiges Ergebnis eines vielschichtigeren Prozesses zu verstehen: Es lassen sich so zahlreiche Motive festmachen, die über die Eifersuchtsthematik hinausweisen, dass der ihr zugeordnete Handlungsstrang als dramaturgisches Gerüst, nicht aber als wirkliches Hauptthema angesehen werden kann.

Trug der Mohr von Venedig das Stigma der dunklen Hautfarbe (und damit des Fremden), so ist Woyzeck durch seine soziale Stellung gezeichnet. Er ist ein Paria, eine Randexistenz, die, an unterster Stelle der gesellschaftlichen Hierarchie stehend, ein Dasein in völliger Abhängigkeit fristet. Einer der wichtigsten Faktoren für die bis heute unverminderte Wirkung des Woyzeck muss in der – den Naturalismus nicht nur um über ein halbes Jahrhundert vorwegnehmenden, sondern sogar überbietenden – kompromisslosen Direktheit bei der Darstellung der existentiellen Nöte der Hauptfigur gesehen werden. Der Alptraum des Woyzeck ist geprägt von Erniedrigung und Isolation.

Bis zu welchem Grad die Würde des Menschen verletzt werden kann, zeigen die einzelnen, mit der Handlung nicht immer verbundenen Szenen, in denen Woyzeck den sozial überlegenen Figuren des Doktors, des Professors, des Hauptmanns und des Tambourmajors (obendrein sein Rivale) gegenübergestellt wird. Bezeichnend ist auch, dass diese keine Eigennamen tragen, sondern nur durch ihre gesellschaftliche Rolle definiert sind. Für den Doktor stellt Woyzeck nichts weiter als ein Studienobjekt dar. Die pseudo-medizinischen 'Erbsen-Experimente' dienen keinem bestimmten Zweck, sie geschehen im Namen einer Fortschrittsgläubigkeit, die den ursprünglichen Sinn des Arztberufes, das Heilen oder zumindest das Lindern von Schmerz, in sein Gegenteil verkehrt. Die zynische Haltung des Doktors ("Woyzeck Er hat die schönste aberratio mentalis partialis, zweite Species, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, Er kriegt Zulage") erinnert auf unheimliche Weise an jenen unvorstellbaren Gipfel der Menschenverachtung, für die der KZ-Arzt Mengele zum Symbol geworden ist.

Doch nicht genug damit: Indem er ihn auch noch öffentlich zur Schau stellt, degradiert der Doktor Woyzeck vollends zum Objekt, beraubt ihn endgültig menschlicher Attribute. Nicht zufällig beginnt die erste Entwurfsstufe mit der Marktschreier-Szene; die Parallele der vorgeführten Tiere (Affe [!] und Pferd) zum Versuchsobjekt Woyzeck ("Kann sich nur nit ausdrücke, nur nit explicirn") ist überdeutlich: Wie der Marktschreier das Pferd zu Kunststücken auffordert, so tut dies der Professor mit Woyzeck: "beweg den Herren doch mal die Ohre"; und während das Pferd als "ei Mensch" apostrophiert wird, erhält Woyzeck dagegen die Anrede "Bestie".