Interpretation: Über das Marionettentheater

Der Essay Über das Marionettentheater wird erstmals im Dezember 1810 in drei aufeinander folgenden Ausgaben der mitunter von Kleist selbst herausgegebenen Berliner Abendblätter abgedruckt, also im Jahr vor dem Freitod des Dichters. Der Text zählt zu den wenigen Veröffentlichungen in einer Zeitung, die Kleist unterzeichnet – wenn auch in diesem Fall nur mit seinen Initialen.

Es handelt sich hier nicht primär um einen Erzähltext, vielmehr ist Über das Marionettentheater im Grenzbereich zwischen erzählender Prosa und theoretischer Abhandlung angesiedelt. Häufig ist die Rede von einem Aufsatz, vielmehr handelt es sich hier allerdings um einen Dialog: Anhand dreier von den Gesprächspartnern wechselseitig berichteter Anekdoten wird ein abstrakter Gedanke entwickelt.

Diese Grundstruktur des Textes ist angelehnt an die antike Gattungstradition der Lehrdialoge, die unter anderem Plato verwendet, um philosophische Überlegungen nachvollziehbar darzustellen. Entgegen des antiken Konzepts treten hier allerdings nicht Meister und Schüler auf, stattdessen führt ein Ich-Erzähler eine Unterhaltung mit einem anderen Besucher eines Marionettentheaters, der professioneller Tänzer ist.

Die Entfaltung einer Idee auf diese Art und Weise ist auch als eine Realisierung des Prinzips zu sehen, das Kleist in seinem um 1805/06 entstandenen Aufsatz Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden entwickelt. Der im Marionettentheater wiedergegebene Verlauf des Gesprächs vollzieht den Entstehungsprozess der Argumentation mit, wobei deutlich wird, wie einzelne Gedanken durch assoziative Verknüpfungen zustande kommen. Innerhalb des Gesprächsverlaufs finden deshalb immer wieder Unterbrechungen statt. Diese lenken das Gespräch in eine andere Richtung oder führen zum unvermittelten Fallenlassen von Gedanken, die innerhalb des Textes nicht notwendigerweise wieder aufgegriffen werden.

Das Gespräch beginnt, so stellt es der Erzähler dar, mit der Erläuterung einer Kunstauffassung durch den Tänzer. Als Beispiel dazu dient der Vergleich des menschlichen Tanzes mit den Bewegungen von Marionetten. Dabei entwirft er ein Gegensatzpaar, in dem die Marionette als Sinnbild vollkommener Grazie oder Anmut – Begriffe, die Kleist offenbar synonym verwendet – dient. Sie gilt ihm als unerreichbares Ideal für dessen Gegenstück, den menschlichen Tänzer, dessen Grazie bzw. Anmut zerstört ist, da er sich seit dem Sündenfall im Besitz eines reflektierenden Bewusstseins befindet. Die Marionette repräsentiert dabei einen Zustand von Natürlichkeit, zu der ein Mensch grundsätzlich nicht fähig ist – aufgrund seiner Bemühung, diese künstlich zu produzieren. Die einzige Möglichkeit, den Zustand der Unvollkommenheit zu überwinden ist – so der Tänzer – eine Unendlichkeit des reflektierenden Bewusstseins, verkörpert durch Gott.