Literaturepoche Exil / Innere Emigration / Nazi-Literatur

Die in der Exilliteratur dominierende Gattung war eindeutig die Erzählprosa, und zwar vor allem in zwei Varianten: als Zeitroman (der sich wiederum differenzierte in den Deutschland- und den Exilroman) und als historischer Roman. Während in der ersten Phase des Exils die Aufklärungsabsicht über den Faschismus sich in der Wahl von Dokumentation, Reportage und Erlebnisbericht als bevorzugte Formen im Bereich des Deutschlandromans niederschlug (z.B. „Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland" (1934) von Lilli Körber (1897-1982) oder „Die Geschwister Oppermann" (1935) von Lion Feuchtwanger(1884-1958)), war für die zweite Phase das Nebeneinander von zeitgeschichtlichen und historischen Stoffen charakteristisch. Der Deutschlandroman bildete sich hier in zwei Varianten aus: als Darstellung der Vorgeschichte des Dritten Reiches (z.B. „Die Rettung" (1937) von Anna Seghers) und als dessen modellhafte Abbildung (z.B. „Nach Mitternacht" (1937) von Irmgard Keun, 1905-1982), daneben trat der Exilroman (z.B. „Flucht in den Norden" (1934) von Klaus Mann (1906-1949), „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit" (1937/38 geschrieben) von Alice Rühle-Gerstel (1894-1943), „Transit" (1944) von Anna Seghers. In der dritten und letzten Phase des Exils nahm allgemein das autobiographische Element stark zu, der Deutschlandroman fiel weg, und neben dem Exilroman bildete sich im Bewusstsein der Zeitenwende die Epochenbilanz aus als Autobiographie (z.B. Heinrich Manns (1871-1950) Memoirenbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt" (1945)), als Familien- oder Generationenroman oder als Deutschland-Allegorie. Der historische Roman, bereits in den zwanziger Jahren eine wichtige Gattung, gewann sowohl in der völkisch-nationalsozialistischen Literatur als auch in der Literatur der Vetriebenen an Bedeutung. Hier sind in erster Linie Heinrich Manns Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre" (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre" (1938) und die Tetralogie „Joseph und seine Brüder" seines Bruders Thomas Mann zu nennen, die er 1926 begann und erst in den letzten Jahren des Exils abschloss.

Gegenüber der Exilprosa nimmt sich die in der Emigration entstandene und veröffentlichte Lyrik umfangmäßig bescheiden aus. Publikationsmöglichkeiten gab es fast nur in der Exilpresse, gelegentlich in Anthologien. Etwa 200 Gedichtbände einzelner Dichterinnen und Dichter wurden in Exilländern veröffentlicht, der weitaus größte Teil der in der Emigration entstandenen Ländern erschien erst nach 1945. Das Gesamtbild der Exillyrik zwischen 1933 und 1945 wurde vorwiegend von jenen Autoren bestimmt, die bereits vor 1933 publiziert hatten, wie Bertolt Brecht (1898-1956), Johannes R. Becher (1891-1958), Karl Wolfskehl (1869-1948) und Else Lasker-Schüler (1869-1945), deren 10bändige Werkausgabe bereits 1919/20 erschienen war. Sie emigrierte mit 64 Jahren in die Schweiz und dann nach Jerusalem, wo 1943 ihr letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier" erschien. Brecht veröffentlichte 1939 die im schwedischen Exil entstandenen „Svendborger Gedichte", deren letztes Gedicht „An die Nachgeborenen" bereits den Bogen schlägt zu einer Zeit nach dem Dritten Reich: „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / Verzerrt die Züge [...] / Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein. / Ihr aber, wenn es soweit sein wird / Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenkt unsrer / Mit Nachsicht."