Literaturepoche Von der Jahrhundertwende bis 1933

Von Dr. Axel Sanjosé

Wenngleich die Auffächerung in verschiedenste Strömungen und Einzelpersönlichkeiten, die die Literatur der Jahrhundertwende prägte, sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eher noch verschärfte, so muß für die Zeitspanne von etwa 1910 bis zum brutalen Einschnitt des Jahres 1933 trotzdem einer Bewegung zentrale Bedeutung zugemessen werden: dem Expressionismus. Dieser Begriff bezeichnet zwar seinerseits keine homogene ‘Schule’, und es läßt sich durchaus darüber streiten, welche Autoren und Werke als expressionistisch zu gelten haben, doch läßt sich mit dem von Wolfgang Worringer für die bildende Kunst erstmals verwendeten Terminus am besten jener Wandel im künstlerischen Ausdruck zusammenfassen, der in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte.

Die Aufbruchstimmung, die im Fin de siècle mehr oder weniger unterschwellig vorhanden war, gelangte nun zum vollen Ausbruch: Dem Schwebenden, Zweideutigen, Verhaltenen, das sich im Symbolischen, Impressionistischen und Filigranen manifestierte, wurde nun bedingungslose Unmittelbarkeit entgegengesetzt. Dieses Unmittelbare erscheint zunächst in der Wahl der Themen, durch die das Lebensgefühl in einer in extremer Beschleunigung begriffenen Gesellschaft eingefangen wird: Großstadt, Technik, Elend, Gewalt, Sexualität werden in direkten Bezug gesetzt mit Erfahrungen der Orientierungslosigkeit, Sinnsuche, Bedrohung. Immer geht es um Grenzbereiche menschlichen Erlebens, und so hat die expressionistische Literatur stets eine Tendenz zum Ekstatischen. Oft wechseln Begeisterung und Verzweiflung einander ab; Extremformen menschlichen Fühlens und Verhaltens rücken ins Zentrum des Interesses. Rausch, Wahnsinn, Krankheit, Kriminalität und ganz allgemein jegliche Anomalität tauchen in den verschiedensten Variationen auf.

Im großen Maße trugen auch die formalen Mittel dazu bei, die angestrebte »Wirklichkeitszertrümmerung« (Gottfried Benn) literarisch zu vollziehen. Das kausal-lineare Erzählen wurde von assoziativ-rhapsodischen Strukturen verdrängt, Symbolik und Metaphorik erfuhren bis dahin ungeahnte Erweiterungen, die Syntax wurde z. T. bis zum völligen Verlust von Satzkonstruktionen ‘gesprengt’.