Wolfgang Borchert / Biographie

Ein Narr, der wirre Lieder schmettert
Das Ende des Krieges

Zunächst kommt er nach der Haftentlassung wieder nach Jena; einige Monate kann er dort Kräfte sammeln. Der Flirt mit einer französischen Fremdarbeiterin – es war untersagt, sich mit diesen einzulassen – bringt ihm vier Wochen Ausgangsverbot ein; ein Erlebnis, das er in der Geschichte „Marguerite“ verarbeitet.

Im Januar 1945 wird er wieder eingesetzt. Diesmal in der Nähe von Frankfurt am Main; Deutschland steht kurz vor der Kapitulation. Dort wird er von den Franzosen gefangen genommen. Es gelingt ihm, während des Gefangenentransports zu fliehen. Rund sechshundert Kilometer bis Hamburg, und das zu Fuß! Borchert schlägt sich zusammen mit einem Kumpan durch, den er nicht besonders mag. Sie begegnen Amerikanern; jetzt haben Borcherts Haftvermerke eine positive Auswirkung; man lässt die beiden passieren. Eine andere Szene: Wieder von den Amerikanern angehalten, spielt er den Narren, spannt einen durchlöcherten Regenschirm auf und schmettert wirre Lieder. Wieder lässt man sie passieren. Sie schlafen auf Bauernhöfen, in Scheunen, auch in einem Gutshaus. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Wolfgang Borchert schwerkrank ist; immer wieder hat er Fieberanfälle. Endlich, am 10. Mai 1945, trifft er in Hamburg ein; wohnt wieder bei seinen Eltern.

Er nimmt den Faden wieder auf, den er 1941 geknüpft hatte: Zunächst gründet er in Altona ein Theater – „Die Komödie“ –, zusammen mit dem Freund aus Schauspielertagen, Hannes Thienelt, den Schauspielerinnen Viola Wahlen und Lotte Manzart sowie der Funklektorin Ruth Malchow. Er will keine „problembelasteten Stücke“ spielen, in einer Zeit, die voller Probleme ist, und sucht Gelder für dieses Projekt zusammenzubringen. Er tritt auf im Kabarett „Janmaaten im Hafen“, wobei er immer wieder gegen die Schmerzen in der Leber, die ihn plagen, anspielen und „anlachen“ muss. Auf allen vieren kriecht er über die wenigen Stufen zum Podium.

Wolfgang Borchert plante weitere Projekte; er war voller Tatendrang; aber die schleichende Krankheit nötigt ihn im Winter 1945/46 ins Bett; die Schmerzen zwingen ihn zu liegen. Weder die Ärzte im Alsterdorfer Krankenhaus noch die im Elisabeth-Krankenhaus, in das er später wechselt, lösen das Rätsel seines geheimnisvollen Siechtums; das wird erst nach seinem Tod in der Schweiz durch den Pathologen Professor Werdemann eruiert: Borchert litt an einer „überempfindlichen“ Leber, deren Funktionen durch dauernde Ernährungsmängel außer Kraft gesetzt wurden.