Interpretation: Der verwundete Sokrates

Eine distanziert-parodisierende Erzählhaltung gibt den Blick frei auf den Soldaten Sokrates, der zunächst vermeintlich unvoreingenommen vorgestellt wird. Sokrates, der Philosoph, der Klügste der Griechen, der auch andere klug machen kann, denn er „konnte seine Freunde wohlgestalteter Gedanken entbinden“, die deren „eigene Kinder“ waren, nicht „Bastarde“ fremder Leute (oder Vordenker!). Unbestritten ist die Klugheit des Philosophen, doch bedeutet dies auch per se Tapferkeit des Soldaten? Ist Sokrates ein großer Mann auf dem Weg zum Helden oder ein Mensch, der Mensch ist und bleibt? Sokrates’ Tapferkeit wird in jedem Fall aber eine besondere sein, so verspricht der Text, doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuße: der große Philosoph Sokrates kaut sich mit Zwiebeln Mut an! Der Leser ist schockiert, passen doch aus Aberglauben verspeiste Zwiebeln recht wenig zum Bild des großen Philosophen – doch genau dahinter steckt die Botschaft (die übrigens auch Herr Keuner verkündet): muss ein Bild dem Menschen ähneln oder ein Mensch dem Bild, das man sich von ihm gemacht hat?

Und so „trottet“ der arme Soldat von dannen, denn die Zwiebeln haben – wen wundert’s! – nicht gleich geholfen. Fast tut er einem Leid, der zwiebelkauende Anti-Held, und dies umso mehr, als er sich noch seiner Leibesfülle wegen, die offenbar hinter dem Schutzschild nicht genügend Platz findet, verspotten lassen muss. Doch auch hier lautet die Frage, die diesmal sogar Sokrates selbst stellt: Ist der Schild zu schmal für den Körper, oder ist der Körper zu breit für den Schild?

Mit diesen und weiteren philosophischen Betrachtungen über den Krieg und seine Hintergründe erreicht der Philosophen-Soldat schließlich das Schlachtfeld und damit auch den Feind. Angesichts der drohenden Kämpfe und Verluste ist nur allzu menschlich, Angst zu empfinden, Ohnmacht vielleicht, oder Wut. Anspannung und Erregung, Angst und der Mut der Verzweiflung stehen den Soldaten förmlich in die „herausgewälzten Augen“ geschrieben, ein Moment allerhöchster Erregung, die Bedrohung ist existenziell, der psychische Zusammenbruch deshalb nur allzu verständlich – ein Soldat ruft in seiner Verzweiflung gar „lallend die Götter an“; „Zu spät“, kommentiert Sokrates lapidar, ohne Mitgefühl und fast verachtend. So etwas kann ihm selbstverständlich nicht passieren. Auch nicht einen Augenblick später, als sich der Soldat angesichts der ersten fliegenden Eisenstangen, die sich als Wurfspeere entpuppen, nur noch sich selbst der allernächste ist und uns, der verwirrten Leserschaft, als Mensch in seiner nacktesten Form präsentiert wird, nämlich reduziert, in schonungslos offener Darstellung, auf den reinen Überlebenstrieb und die damit verbundene Denkweise: einzig wichtig ist sein Vorsprung vor dem Feind, und das Ausmaß seines Vorsprunges hängt davon ab, wie lange andere die Verfolgung durch den Feind herauszögern können. Die Strategie des Bauernopfers also? Hatte der Philosoph noch wenige Zeilen zuvor gerade die Strategie des Bauernopfers angeprangert, so bedient er sich nun zumindest der Hoffnung, genau dies möge zu seinem eigenen Vorteil geschehen. Doch es bleibt wenig Zeit, diesem Widerspruch auf den Grund zu gehen, denn nun kommt es zu der titelgebenden Verwundung des Soldaten, die diesem plötzlich „höllische Schmerzen“ bereitet, doch bald wird klar: Soldat Sokrates ist ein kläglicher, wehleidiger Feigling; seine Höllenschmerzen lassen sich auf einen im Fuß steckenden Dorn zurückführen, der sich allerdings nicht so leicht entfernen lässt, wie Sokrates mit „irren Augen“ feststellt. Seine „tränenden Augen“ kurz darauf lassen sich demgegenüber verstehen als eine Mischung aus Schmerz und Selbstmitleid, vielleicht auch als Tränen der Erleichterung ob des gefundenen Sitzplatzes und der nun durchaus noch bestehenden Überlebenschancen. Mit letzter Kraft (macht sich hier doch noch die Wirkung der Zwiebeln bemerkbar?), mit bereits eingetrübten Augen (Z.91) hat der Philosoph die rettende Idee – in höchstem Maße banalisiert und fast ad absurdum geführt durch die rhetorische Frage, ob denn ein Schwert auch als Messer zu benutzen sei... Der Text zeigt den wahren Soldaten Sokrates, den Menschen mit seinen Ängsten: „verzweifelnd hüpfend“, „umknackend“, zusammensinkend“, „auf dem Hintern sitzend“ und „hilflos blickend“