Interpretation: Aus dem Leben eines Taugenichts und Erzählungen

Nicht nur sein Geigenspiel ist 'brotlose Kunst', auch psychosomatisch verweigert er sich durch sein Schlafen der auf Nutzen und Gewinn ausgerichteten Welt und begibt sich in das von der Ratio nicht besetzbare Reich der Träume. Daneben befleißigt er sich einer weiteren als symptomatisch zu bezeichnenden Verhaltensweise: des Ersteigens von Bäumen. Um zu fliehen, sich zu verstecken, zur eigenen Belustigung oder – um zu schlafen; in der Blätterkrone entzieht er sich wiederum der Welt, ist über ihr, unauffindbar, und wird noch dazu mit einem weiten Ausblick in das Land hinaus belohnt.

Ähnlich hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Italo Calvino in seinem Roman Il barone rampante (Der Baron auf den Bäumen) die Protesthaltung seines Helden durch den – hier endgültigen – Aufenthalt in den Baumkronen ausgedrückt. Auch Eichendorff greift mit der Figur des sorglosen, arbeitsscheuen, ewig-kindlichen Musikanten und Baumkletterers die – nicht nur damals – herrschenden bürgerlichen Vorstellungen und Vorurteile an – der Taugenichts als Held ist ein Schlag ins Gesicht einer Gesellschaft, in der Biederkeit in allen Lebensbereichen die oberste Maxime darstellt.

Selbst zum Schluss, als eigentlich "alles, alles gut" ist, und der Taugenichts die "vielschöne Fraue" in die Arme schließt, evoziert das am Abhang eines Gartens stehende Sommerhaus "mit dem offnen Fenster nach dem weiten, tiefen Tale zu" die Baum-Szenen. "Die Sonne war schon lange untergegangen hinter den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde."

Trotzdem ist der Taugenichts bei aller impliziten Kritik an der Borniertheit und Engstirnigkeit der Gesellschaft durchaus keine revolutionäre Figur, ebensowenig wie der Text dieses Attribut verdient. Im Grunde ist der Taugenichts sprachlos. Was spricht, ist die Natur, der "verschallende Abend", die "heraufrauschende Donau". Und als er endlich das Wort fasst, ist ihm "alles noch wie ein Traum".

Die Geschichte, die hier erzählt wird, kann in keiner empirischen Wirklichkeit angesiedelt werden. Der Ort dieser Erzählung ist ein im wörtlichen Sinne utopischer, ein Nirgendwo, das nicht von den Einschränkungen und Zwängen unserer Wirklichkeitsvorstellungen eingegrenzt ist. Wollte man ihn lokalisieren, so müßte man ihn vor jeglicher rational, begrifflich zu bestimmenden Kategorisierung annehmen. Daher die Sicherheit, mit welcher der Taugenichts sich in der Welt zurechtfindet, daher sein phänomenales Geborgensein in dieser Welt, die Heiterkeit, der Zauber seines Wandelns, daher aber auch seine Unangreifbarkeit gegenüber den Manipulationen der Gesellschaft und, bezogen auf sein Künstlertum, gegenüber der in alle Bereiche des Lebens vorstoßenden Konsumindustrie, deren phantasietötende Folgen und ungeheure Ausbreitung Eichendorff mit erschreckender Deutlichkeit voraussieht.