Interpretation: Schach von Wuthenow

Wie jeder historisch gebildete Leser der Fontane-Zeit weiß, wird Bülow mit seinen Prophezeihungen Recht behalten – Schach steht also mit seinen Überzeugungen von vornherein auf verlorenem Posten. Selbst wenn sein persönlicher Untergang vermeidbar wäre, so wäre doch sein Schicksal als Repräsentant des alten preußischen Staates besiegelt, denn alles, woran er glaubt und wofür er steht, ist zum Untergang verurteilt.

In dieser Situation des historischen Umbruchs ist nun die private Liebesgeschichte zwischen Schach und Victoire angesiedelt. Victoire verliebt sich in Schach, als sie einen Spaziergang in Tempelhof unternehmen, der, wie Victoire später an ihre Freundin schreiben wird, "in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns bedeutete". Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass Schach ganz eigentümlichen, unzeitgemäßen Idealen nachhängt: Vor dem Bildnis eines angeblichen Tempelritters drückt er seine volle Bewunderung für diese mönchischen Krieger aus, und behauptet, auch er hätte vermocht, als Templer zu leben und zu sterben. Victoire fragt ihn scherzhaft, ob ihn das prachtvolle Kleid der Templer gelockt hätte, "das noch kleidsamer war als die Supraweste der Gensdarmes." Doch Schach verneint und antwortet: "Glauben Sie mir, in mir lebt etwas, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt."

Auf dem Heimweg wird noch ein anderer Charakterzug Schachs deutlich, nämlich seine Eitelkeit und, damit verbunden, seine Abhängigkeit vom Gerede der Leute. Als sie sich wieder dem Dorf nähern, wechselt er von Victoire zur Mutter über – denn Arm in Arm mit der liebenswürdigen, aber durch Blatternarben entstellten Victoire will er nicht gesehen werden. Victoire wird also, gleich nach dem Erwachen ihrer Gefühle für Schach, von ihm verletzt und gedemütigt. Noch will sich Victoire ihre Gefühle für Schach nicht eingestehen; in ihrem Brief an die Freundin Lisette behauptet sie, immer noch eine Hochzeit Schachs mit ihrer Mutter Josephine zu wünschen. Doch in ihrem Antwortbrief sagt ihr Lisette auf den Kopf zu, dass dies eine Selbsttäuschung sei. Victoire ist durch diesen Brief aufgewühlt; hinzu kommt, dass sie ein leichtes Fieber hat. Dass Lisette ihr mit ihrem Brief Hoffnung machen will, stürzt sie nur noch mehr in Verzweiflung – und just in dieser Situation kommt Schach. Die folgende Szene – eine der intensivsten in Fontanes Romanwerk – wird beiden zum Verhängnis. Victoires Gefühle sind in Aufruhr, sie lässt die gewohnte Zurückhaltung fallen, ihre ganze Verbitterung bricht hervor: Sie sei ohnehin nicht in Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren, schließlich sei sie zu hässlich, als dass ein Mann sie begehren könnte. Schach ist irritiert, und zunächst reagiert er ausweichend. Doch Victoire insistiert, sie vergleicht sich mit Mirabeau, dessen Hässlichkeit sprichwörtlich ist. Schach ist jetzt geradezu gezwungen, ihr zu widersprechen – nicht nur weil er Victoire tatsächlich gern hat, sondern auch, weil sie an seine Ritterlichkeit appelliert. Zunächst will er sie nur trösten, doch dabei verliert er zunehmend seine Selbstkontrolle. Er will ihr ausreden, das sie hässlich sei, er zitiert eine Äußerung des Prinzen Louis – und ist schon beim Kompliment angelangt. Noch einmal versucht er in die Rolle des Trösters zurückzukehren, und fällt doch in die des Liebhabers hinein: "War ich denn blind? [...] Alles ist Märchen und Wunder an ihnen; ja Mirabelle, ja Wunderhold!"