Interpretation: Schach von Wuthenow

Victoire nimmt ihn völlig anders wahr, sie sieht das Individuum Schach, wo Bülow ein typisches Symptom zu sehen vermeint. Sie ist daher in der Lage, seine wahren Motive zu erkennen: Es ist kein verblendeter Kult, dem Schach anhängt, es ist "die Stimme seiner eigensten und innersten Natur", die ihn zu seiner Handlungsweise aufrief, denn er war "seiner ganzen Natur nach [...] auf mehr äußerliche Dinge" gestellt. Genau in diesem Punkt wird ihre Einschätzung von der Erzählinstanz, die sich sonst mit Erklärungen stark zurückhält, bestätigt: Schachs Suizid ist die Lösung, "die dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach." Was in Bülows Augen als Willkürakt erscheint, der das bloße Produkt eines allgemeinen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs ist, ist in Wahrheit der Ausdruck einer zutiefst empfundenen inneren Notwendigkeit, die in der individuellen Natur des Menschen Schach begründet liegt.

Das eigentliche Thema der Erzählung Schach von Wuthenow ist also die Würde und der Konflikt, der entsteht, wenn ein Mann seine Würde von der Lächerlichkeit bedroht sieht. Die zentrale Frage, um die der Text kreist, lautet: Ist diese Würde, die so sehr auf Äußerlichkeiten, auf Rang, Orden und schönes Äußeres bedacht ist, bloß Eitelkeit, ein hohles Fixiertsein auf den äußeren Schein? Die Antwort lautet: Nein, nicht in jedem Fall. Wo diese Würde ein innerstes Bedürfnis ist, Ausdruck der individuellen Natur eines Menschen, wo sie einem hohen Ideal entspringt, das auf wirklich geglaubten Werten beruht, dort ist sie kein leerer Wahn. Schach definiert seine Identität auch über Äußerliches, da diese Identität durch Bilder (nämlich die seiner Vorfahren) vorgegeben ist. Er kann dem Zwang, seine Identität im Bereich des Kulturellen zu definieren, nicht entfliehen – da er seine Identität nicht preisgeben will, bleibt die angedeutete Befreiung, die er im Raum der Natur erfährt, eine bloße theoretische Möglichkeit. Schach wird vom Text nicht als eitler Gauch vorgeführt,;seine Haltung ist kritikwürdig, da sie andere verletzt und für ihn selbst verhängnisvoll ist, dennoch bleibt er gerade aufgrund dieser Haltung eine eindrucksvolle, respektgebietende Figur. Der Text zollt seinem Helden Schach diesen Respekt; für sein tragisches, aber notwendiges Geschick gilt letztlich das, was Schach selbst über die Tempelritter sagt: "Das Los und Schicksal aller Erscheinungen, die sich, auch da noch, wo sie fehlen und irren, dem Alltäglichen entziehn."