Interpretation: Unterm Birnbaum

Der eigentliche Trick seines Planes ist die Einbeziehung der Reaktion der Dorföffentlichkeit auf seine anscheinend ungerechtfertigte Verdächtigung. Gerade die Tatsache, dass unter dem Birnbaum tatsächlich eine Leiche vergraben ist und damit ein Moment lang seine Schuld klar zutage zu liegen scheint, bringt für Hradschek die erwünschte Entlastung. Denn als der Totengräber darauf aufmerksam macht, dass die gefundene Leiche schon mindestens zwanzig Jahre dort liegt, geht Hradscheks Kalkül auf. Es beruht ganz wesentlich auf dem Gefühl der Peinlichkeit und der Beschämung, das die übrigen Dorfbewohner ergreift, als sie glauben müssen, ihren Nachbarn zu Unrecht verdächtigt zu haben. Dass der Pfarrer Eccelius ebenfalls darauf hereinfällt und am nächten Sonntag über die Sünde des 'Falsch-Zeugnis-Redens' predigt, verstärkt den von Hradschek gewünschten Effekt und macht den Pfarrer unwissentlich zu seinem Handlanger.

Zu diesem Zeitpunkt sieht es so aus, als wäre Hradschecks Plan aufgegangen. Das perfekte Verbrechen scheint möglich – die moralische Weltordnung ist gefährdet, denn alle sozialen Institutionen, die ihre Aufrechterhaltung garantieren sollen, haben sich täuschen lassen.

Hradscheck ist nicht nur ein raffinierter Verbrecher, er ist auch skrupellos. Dass er einen arglosen Menschen ermordet hat, der unter seinem Dach zu Gast war, macht ihm offensichtlich überhaupt nichts aus. Seine einzige Sorge ist, dass alles herauskommen könnte, und hinter jeder harmlosen Äußerung, die bloß zufällig auf die Tat abzuzielen scheint, wittert er eine Anspielung. Erheblich schlimmer ergeht es seiner Frau. Ihr zuliebe lässt Hradscheck das Haus ein Stockwerk höher machen, um die Giebelstube, in der der Mord verübt wurde, verschwinden zu lassen. Tatsächlich geht es der Schwerkranken daraufhin kurze Zeit etwas besser, doch es ist nur eine scheinbare Genesung. Hradscheks Frau leidet unter der Tat, weil sie die Bestrafung im Jenseits fürchtet. Sie war früher katholisch und hat den protestantischen Glauben erst spät angenommen; nun wird sie wieder 'rückfällig' und will in einem anonymen Brief, den Hradscheck von Frankfurt aus nach Krakau schicken soll, eine Beichte ablegen und für den ermordeten Polen Seelenmessen lesen lassen. Zu diesem Zweck hat sie, die ehemals prunksüchtige, viel Geld angespart: So leistet sie 'Buße' gerade durch die Aufgabe dessen, was ihr einst so wichtig war; es ist der Versuch, dem Toten das Geld über ein religiöses Ritual zurückzuzahlen.

Hradschek allerdings verwendet das Geld nach dem Tod seiner Frau aus Furcht vor Entdeckung lieber für ein gußeisernes Kreuz. Kurz bevor sie stirbt, erzählt sie Hradscheck von ihrem Überzeugung, dass Tote, die keine Ruhe finden, aus dem Grab aufstehen. Jetzt erschrickt Hradscheck, denn so wenig er sich aus Religion macht und so materialistisch er sich gibt, so anfällig ist er doch für Aberglauben.

Hradscheck ist nach dem Tod seiner Frau eine Zeitlang betrübt, doch auch das geht vorbei. Bald ist er wieder so gesellig und vergnügt wie eh und je, die ganze Mordgeschichte scheint für ihn ausgestanden. Nur eine Person im Dorf kann es mit der Verschlagenheit Hradschecks aufnehmen: seine Nachbarin Mutter Jeschke. Ihr geht der – von ihr selbst sorgsam gepflegte – Ruf voraus, eine Hexe zu sein. Ob sie selbst an die abergläubischen Praktiken und Spukgeschichten glaubt, die sie verbreitet, bleibt offen. Sie hat nie an Hradschecks Unschuld geglaubt und war auch von den Predigten des Pfarrers, die sich hauptsächlich gegen sie richteten, nicht zu beeindrucken. Die Jeschke will vielleicht nicht unbedingt das Verbrechen aufklären, aber sie lässt sich nicht gern hinters Licht führen und ist auch ein wenig boshaft. Sie macht gerne Andeutungen, bei denen Hradscheck verlegen wird, doch als er ihr daraufhin einmal mit einer Verleumdungsklage droht, wird sie vorsichtig. Stattdessen hält sie sich nun an Hradschecks Laufburschen Ede, und redet ihm geschickt ein, dass es im Keller spuke. Den einfältigen Ede packt das Grausen, und als er für Hradscheck eine Flasche Wein aus dem Keller holen soll, weigert er sich.