Interpretation: Unterm Birnbaum

Hradscheck lacht zwar über Edes Aberglauben, doch ganz offensichtlich ist er selbst nicht frei davon: Er fürchtet sich zwar nicht, da er starke Nerven hat, doch er glaubt zumindest, dass er durch Beseitigung der Leiche auch den Spuk im Keller abstellen könnte. Dieser Aberglaube wird ihm zum Verhängnis, denn aus Angst davor, beim Ausgraben der Leiche gesehen zu werden, versperrt er sich den Rückweg und erstickt neben der Leiche seines Opfers im Keller.

"[...] das Schöne, Trostreiche, Erhebende schreitet [...] gestaltlos durch die Geschichte hin und ist einfach das gepredigte Evangelium Gottes, von der Ordnung in seiner Welt. Ja, das steht so fest, daß die Predigt sogar einen humoristischen Anstrich gewinnen konnte" – so schreibt Fontane am 16. November 1885 an seinen Brieffreund Georg Friedländer. Mit der Ordnung in Gottes Welt meint Fontane die schicksalhafte Bestrafung der Täter – ob der humoristische Anstrich gerade deshalb sein durfte, weil das so feststand, oder ob das Humoristische eher dazu dient, den Zeitgenossen die etwas unglaubwürdige schicksalhafte Bestrafung besser zu verkaufen, sei dahingestellt. Die Möglichkeit, dass ein Schuldiger, wenn er nur raffiniert genug vorgeht, ungeschoren davonkommt, soll auf jeden Fall ausgeschlossen werden. Dieses Prinzip gilt für alle Kriminalromane Fontanes, und es wird auf jeweils unterschiedliche Art und Weise verwirklicht. Häufig ist die Form der 'Bestrafung' eine unwillkürliche und nicht beeinflussbare körperliche Reaktion auf die Schuld, nämlich die Zerrüttung der Gesundheit, an der der Schuldige stirbt. Das ist auch der Fall bei Hradschecks Frau, bei der das Gewissen sich derart stark körperlich manifestiert, dass sie durch einen frühen Tod gestraft wird.

Das viel größere Problem für das moralische Weltbild des 19. Jahrhunderts stellt Hradscheck dar, denn er ist nicht nur raffiniert, sondern auch eiskalt und skrupellos. Um zu belegen, dass auch ein solcher Täter seiner gerechten Strafe nicht entgehen kann, wird ein implizites psychologisches Postulat ins Spiel gebracht, das lautet: Auch wer so skrupellos ist, dass er keine Reue und kein Schuldgefühl kennt, wird die seelischen Folgen seiner Tat zu spüren bekommen, denn er wird für Aberglauben anfällig werden und an Angst vor Spuk leiden. Es ist die Umkehrung eines volkstümlichen Sprichworts (das in Fontanes Werk auch verschiedentlich zitiert wird): 'Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen'. Wer etwas auf dem Gewissen hat, wird, auch wenn er keine Gewissensbisse im Sinne von Reue hat, doch nicht zur Ruhe kommen – ein psychologisches Prinzip, das die moralische Weltordnung garantieren soll. Das bedeutet nicht, dass in Fontanes Romanen nur die Figuren abergläubisch sind, die Schuld auf sich geladen haben, aber das Wissen um die eigene Schuld lässt bei den Betroffenen immer die Frage aufkommen, ob nicht doch 'etwas dran sein' könnte. So wird Hradscheck, der mit einem Maximum an rationaler Planung einen perfekten Mord begehen wollte, schließlich von seiner Empfänglichkeit für Irrationales eingeholt.