Ungekürztes Werk "Soll und Haben" von Gustav Freytag (Seite 558)

hat. Wenn das Befinden der gnädigen Frau mir erlaubt, sie zu begrüßen, wünsche ich ihr meine Aufwartung zu machen.«

Lenore nahm den Brief: »Ich gehe sogleich zur Mutter, verzeihen Sie!« Mit einer Verbeugung suchte sie bei ihm vorbeizukommen.

Fink hielt sie durch eine Handbewegung zurück und sagte scherzend: »Ich sehe Sie hausmütterlich mit Schere und Nadel beschäftigt. Wer ist der Glückliche, für den Sie diese keilförmigen Stücke zusammennähen?«

Lenore errötete wieder: »Das ist Frauenarbeit, und ein Herr darf danach nicht fragen.«

»Ich weiß doch, der Fingerhut steht sonst nicht in Ihrer Gunst«, sagte Fink gutmütig. »Ist es denn nötig, liebes Fräulein, daß Sie sich die Augen verderben?«

»Ja, Herr von Fink«, erwiderte Lenore in festem Tone, »es ist nötig und es wird nötig sein.«

»Ei, ei«, rief Fink kopfschüttelnd und stützte sich gemächlich auf eine Stuhllehne. »Glauben Sie denn, daß ich Ihre geheimen Feldzüge mit Nadel und Schere nicht schon längst gemerkt habe? Und dazu Ihr ernstes Gesicht und die wahrhaft glorreiche Haltung, mit der Sie mich dreisten Knaben behandeln. Wo ist das Katzensofa? Wo ist die brüderliche Offenheit, die ich nach unserm Vertrag erwarten durfte? Sie haben unser Abkommen schlecht gehalten. Ich sehe deutlich, mein guter Freund ist geneigt, mich aufzugeben, und zieht sich mit bestem Anstande zurück. Aber gestatten Sie auch mir die Bemerkung, daß Ihnen das schwerlich etwas nützen wird. Sie werden mich nicht los.«

»Seien Sie edelmütig, Herr von Fink«, unterbrach ihn Lenore in heftiger Bewegung, »machen Sie mir nicht noch schwerer, was ich tun muß. Ja, ich bereite mich vor, von hier zu scheiden, zu scheiden auch von Ihnen.«

»Sie weigern sich also, hier bei mir auszuhalten?« sagte Fink mit gefurchter Stirn. – »Wohlan, ich werde wiederkommen und so lange bitten, bis Sie mich erhören. Wenn Sie mir entlaufen, reise ich Ihnen nach, und wenn Sie Ihr schönes Haar abschneiden und in ein Kloster fliehen, ich sprenge die Mauern und hole Sie heraus. Habe ich nicht um Sie geworben, wie der Taugenichts im Märchen um die Königstochter? Um Sie zu gewinnen, stolze Lenore, habe ich Sand in Gras verwandelt, und mich selber in einen ehrbaren Hauswirt. Diese Wundertaten haben Sie verschuldet. Darum, geliebte Herrin, seien Sie gescheit und quälen Sie uns nicht durch mädchenhafte Launen.«

»O ehren Sie diese Launen«, rief Lenore in Tränen ausbrechend. »In der Einsamkeit dieser Wochen habe ich jede Stunde mit meinem Schmerz gerungen. Ich bin ein armes Mädchen, das jetzt die Pflicht hat, für ihre leidenden Eltern zu leben. Die Mitgift, welche ich in Ihre Zukunft bringen würde, heißt Krankheit, Trübsinn und Hilflosigkeit.«

»Sie irren«, unterbrach sie Fink ernst. »Unser Freund hat für Sie gesorgt. Er hat zwei Schurken ins Wasser gejagt und die Schulden Ihres Vaters bezahlt; dem Freiherrn bleibt ein hübsches kleines Vermögen, alle Not ist zu Ende, und Sie selbst, Trotzkopf, sind gar keine schlechte Partie, wenn Ihnen daran etwas liegt. Der Brief, den Sie in der Hand halten, ruiniert Ihre Philosophie.«

Lenore starrte auf das Kuvert und warf den Brief von sich weg. »Nein«, rief sie außer sich. »Als ich von Jammer zerrissen an Ihrem Herzen lag,

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