Goethe Biographie / Bilder

Goethe
Johann Wolfgang Goethe.Kopie eines Ölgemäldes von Johann Adam Kern, 1765um zu Darmstadt nach einer Zinkographie um 1832

»Meine Kollegia besuchte ich anfangs emsig und treulich; die Philosophie wollte mich jedoch keineswegs aufklären. In der Logik kam es mir wunderlich vor, daß ich diejenigen Geistesoperationen, die ich von Jugend auf mit der größten Bequemlichkeit verrichtete, so auseinanderzerren, vereinzelen und gleichsam zerstören sollte, um den rechten Gebrauch derselben einzusehen. Von dem Dinge, von der Welt, von Gott glaubte ich ungefähr so viel zu wissen als der Lehrer selbst, und es schien mir an mehr als einer Stelle gewaltig zu hapern. [...] Mit den juristischen Kollegien ward es bald ebenso schlimm: denn ich wußte gerade schon soviel, als uns der Lehrer zu überliefern für gut fand. Mein erster hartnäckiger Fleiß im Nachschreiben wurde nach und nach gelähmt, indem ich es höchst langweilig fand, dasjenige nochmals aufzuzeichnen, was ich bei meinem Vater, teils fragend, teils antwortend, oft genug wiederholt hatte, um es für immer im Gedächtnis zu behalten.«

‘Dichtung und Wahrheit’, 2. Teil, 6. Buch

Goethe
»Streit um eine Puppe«
Zeichnung Goethes (Kreide, Feder, Tusche).

»Die mancherlei Gegenstände, welche ich von den Künstlern behandelt sah, erweckten das poetische Talent in mir, und wie man ja wohl ein Kupfer zu einem Gedicht macht, so machte ich nun Gedichte zu den Kupfern und Zeichnungen, indem ich mir die darauf vorgestellten Personen in ihrem vorhergehenden und nachfolgenden Zustande zu vergegenwärtigen [...] wußte und so mich gewöhnte, die Künste in Verbindung miteinander zu betrachten.«

‘Dichtung und Wahrheit’, 2. Teil, 8. Buch

Goethe
Käthchen Schönkopf (1746 – 1810). Stahlstich von Auguste Hüsener nach einem nicht mehr vorhandenen Gemälde

Goethe nennt Käthchen in seinen Erinnerungen »Ännchen«, »von der ich nicht mehr zu sagen wüßte, als daß sie jung, hübsch, munter, liebevoll und so angenehm war, daß sie wohl verdiente, in dem Schrein des Herzens eine Zeitlang als eine kleine Heilige aufgestellt zu werden [...]. Da sie sich aber aus dem Hause wenig entfernen konnte noch durfte, so wurde denn doch der Zeitvertreib etwas mager.« Goethe war »von jener bösen Sucht befallen, die uns verleitet, aus der Quälerei der Geliebten eine Unterhaltung zu schaffen und die Ergebenheit eines Mädchens mit willkürlichen und tyrannischen Grillen zu beherrschen. [...] Sie trug es eine Zeitlang mit unglaublicher Geduld, die ich grausam genug war aufs Äußerste zu treiben. Allein zu meiner Beschämung und Verzweiflung mußte ich endlich bemerken, daß sich ihr Gemüt von mir entfernt habe [...] und nun fühlte ich erst, daß ich sie wirklich liebte und daß ich sie nicht entbehren könne. [...] Allein es war zu spät!«

‘Dichtung und Wahrheit’, 2. Teil, 7. Buch

Goethe
Das Straßburger Münster. Kupfertafel aus dem Jahre 1758 für eine Buchillustration.

»Ich war im Wirtshaus ‘Zum Geist’ abgestiegen und eilte sogleich, das sehnlichste Verlangen zu befriedigen und mich dem Münster zu nähern [...]. Als ich nun erst durch die schmale Gasse diesen Koloß gewahrte, sodann aber auf dem freilich sehr engen Platz allzu nah vor ihm stand, machte derselbe einen Eindruck ganz eigner Art, den ich aber auf der Stelle zu entwickeln unfähig, für diesmal nur dunkel mit mir nahm, indem ich das Gebäude eiligst bestieg [...]. Herabgestiegen von der Höhe, verweilte ich noch eine Zeitlang vor dem Angesicht des ehrwürdigen Gebäudes; aber was ich mir weder das erste Mal noch in der nächsten Zeit ganz deutlich machen konnte, war, daß ich dieses Wunderwerk als ein Ungeheures gewahrte, das mich hätte erschrecken müssen, wenn es mir nicht zugleich als ein Geregeltes faßlich und als ein Ausgearbeitetes sogar angenehm vorgekommen wäre.«

‘Dichtung und Wahrheit’, 2. Teil, 9. Buch