Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Die Leiden des jungen Werthers"

Werthers Selbstmord kündigt sich bereits früh an; geradezu aufdringlich sind die ständigen Bezugnahmen auf den Freitod: Berichte über Selbstmörder, das theoretische Gespräch mit Albert über die Rechtfertigung eines solchen Schrittes, explizite Gedankenspiele ("Ich seh all dieses Elends kein Ende als das Grab") und scheinbar zufällige Redewendungen in anderem Zusammenhang ("Da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren") weisen überdeutlich auf Werthers Entschluss hin. Die eingeschaltete Paraphrase des Märchens vom Magnetenberg, der die Schiffe ins Verderben zieht, dient Werther als Vergleich für die Anziehungskraft, die Lotte auf ihn ausübt, ist aber unterschwellig eine Allegorie seiner Selbstzerstörung. Dieses Insistieren ist im Grunde eine frühkindliche Trotzhaltung; mehr oder weniger bewusst versucht Werther mit seinen Anspielungen, sich die Liebe, die ihm so notwendige, zu erpressen.

War Werther zu retten? Immerhin ist er ja in der Lage, seine Gefühle sehr differenziert zu Papier zu bringen, und es ist keineswegs nur Selbstmitleid, das hier zum Ausdruck kommt. Sein Intellekt erlaubt ihm, durchaus auch Distanz zu seiner Situation zu gewinnen, etwa wenn er von seinen Gesprächen mit Albert schreibt, dass "in der Welt nichts Lächerlichers erfunden worden [ist] als dieses Verhältnis", oder wenn er die Beweggründe für den Besuch eines Bergwerks angibt: "ist aber im Grunde nichts dran, ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles. Und ich lache über mein eigen Herz – und tu ihm seinen Willen.""Ich witzle mich mit meinen Schmerzen herum" (zweite Fassung, "Am 22. November."), heißt es ein anderes Mal, und als er sich einen ganzen Abend Lottes Anrede "Lieber Werther" wiederholt hat, "mußte [ich] hernach selbst über mich lachen."

Natürlich ist viel Bitterkeit in dieser Haltung. "Ich beiße die Zähne aufeinander und spotte über mein Elend." Lotte spürt das genau, als sie sagt: "Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig sind." Trotz der Fähigkeit zur Selbstironie und zur objektiven Analyse seiner Lage findet Werther keinen Ausweg aus der Krise. Sein persönliches Leid kann ihm keiner nehmen – aber Hilfe könnte ihm sehr wohl gegeben werden, und die wird beharrlich verweigert. Nicht von Lotte, die ja nur kurzfristig seine Sehnsucht erfüllen, aber an seiner seelischen Misere nichts ändern könnte, dafür um so mehr vom einzigen Menschen, dem Werther alle seine Regungen, Gefühle und Absichten rückhaltlos offenbart: von Wilhelm, dem Adressaten seiner Briefe.