Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Faust I und II"

Der Engländer Christopher Marlowe hat den Stoff bereits 1593 dramatisch bearbeitet; die Aufklärung dagegen kann mit der Faust-Gestalt wenig anfangen: Für sie ist Faust lediglich ein lächerlicher Scharlatan und Zauberkünstler (was der historischen Wahrheit sicher nahekommt). Doch schon Lessing stellt die Figur in seinem Faust-Fragment (1759) in ein positiveres Licht und lässt sie am Schluss von Engeln erretten. Dass die Sturm-und-Drang-Generation in ihrem anti-aufklärerischen Impetus und ihrer Vorliebe für den tragischen Ausnahme-Menschen in Faust eine Symbolgestalt für ihre eigenen Bestrebungen nach Befreiung aus den Zwängen religiöser und gesellschaftlicher Normen erblickt, ist kaum verwunderlich. So schreibt Friedrich Müller (Maler Müller) 1778 ein unvollendetes Drama Doktor Fausts Leben und Tod dramatisiert; und auch Friedrich Maximilian Klingers Roman Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt aus dem Jahr 1791 wurzelt noch in der Sturm-und-Drang-Rezeption der Faust-Figur.

Goethes erste Beschäftigung mit diesem Stoff fällt also nicht zufällig in die diese Zeit. Dokumentiert ist diese erste Phase durch den Text des sogenannten Urfaust, der erst 1887 in einer Abschrift des Hoffräuleins von Göchhausen wiederaufgefunden wird. Er dürfte zwischen 1772 und 1775 entstanden sein, in einer Zeit, in der Goethe auch die Akten des Prozesses um die 1772 in Frankfurt hingerichtete Kindsmörderin Susanne Brandt studiert, deren Schicksal sicher den authentischen Hintergrund für die Gretchen-Handlung abgibt. 1790 veröffentlicht Goethe eine Bearbeitung dieses ersten Entwurfs unter dem Titel Faust, ein Fragment. In den Jahren seiner Freundschaft mit Schiller fügt er den Prolog im Himmel und die Paktszenen hinzu. Schon um 1800 sind Bruchstücke des II. Teils entstanden, die Goethe zwischen 1825 und 1831 planmäßig ausarbeitet und vollendet. 1827 veröffentlicht er in der Werk-Ausgabe letzter Hand den Helena-Akt mit dem Untertitel Klassisch-romantische Phantasmagorie, 1828 die Szenen am Kaiserhof. Der endgültige Abschluß des II. Teils erfolgt dann in seinen letzten beiden Lebensjahren.

Nach der Lektüre des Faust, vor allem des zweiten Teils, befällt den Leser zunächst einmal eine gewisse Ratlosigkeit. Er erwacht aus der Fülle der Gesichter, reibt sich die Augen und fragt sich besorgt: Was ist nun der Sinn des Ganzen? Ist es überhaupt 'ein Ganzes', oder haben wir es mit disparaten Einzelszenen zu tun, die mehr oder weniger mühsam zu einer durchgehenden Handlung verknüpft sind? Wie verhält sich der erste zum zweiten Teil? Was ist zeitabhängig, und welche Aussagen sprechen uns auch heute noch unmittelbar an? Wieviel an geistesgeschichtlichem Wissen bedarf es überhaupt, den Faust zu 'verstehen'? Sicher gibt es wenige Werke der Weltliteratur, über die mehr und Widersprüchlicheres geschrieben worden ist als über den Faust. Bis heute ist sich die Fachwelt bis in Einzelaspekte hinein nicht einig, was nun von alledem zu halten sei.