Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Iphigenie auf Tauris"

Ein solcher dialektischer Zusammenhang besteht auch zwischen den Dramen Iphigenie und Götz. Denn bei aller Unterschiedlichkeit besitzen beide eine fundamentale Gemeinsamkeit: Im Götz ist Freiheit der Zentralbegriff und Angelpunkt, um den sich das ganze Drama dreht; in Iphigenie geht es ebenfalls um Möglichkeiten der Befreiung des Menschen, hier vom Mythos, d. h., aus seiner Abhängigkeit vom Schicksal. Doch während Götz die als Schicksal empfundene Macht der Geschichte nicht zu brechen vermag und deshalb untergeht, endet Iphigenie mit dem optimistischen Glauben an die Möglichkeit menschlicher Autonomie. Insofern stimmt bei aller Divergenz die Aussage beider Stücke überein: Denn Berlichingens Methode der Konfliktlösung durch die Hand entspricht der feudal-heroischen Position Orests, die sich überlebt hat. Iphigenies Methode der Konfliktbewältigung durch das Wort steht Götz noch nicht zur Verfügung. Und die Tat des Faust als Wirken für die Gemeinschaft geht in dialektischer Entwicklung schließlich über beides hinaus.

Iphigenie gilt als das klassische Drama schlechthin. Das zeigt sich am deutlichsten in seiner Form. War Götz ein einziger Verstoß gegen die aristotelischen Regeln, so kehrt Goethe in der Iphigenie dezidiert zu diesen zurück: Einheit der Handlung, der Zeit und des Ortes werden strikt beachtet. Die extrem artifizielle Sprache, und zwar gar nicht in erster Linie durch den Blankvers, der sich recht geschmeidig dem natürlichen Sprachfluss anpassen könnte, die sich vor allem durch feierliche Umständlichkeit, gesuchte Bilder, Lyrismen, Archaismen, Inversionen und Sentenzhaftigkeit auszeichnet, vermittelt eine gewollte Abgehobenheit von der Lebenswirklichkeit: "Heraus in eure Schatten, rege Wipfel/Des alten, heilgen, dichtbelaubten Haines,/Wie in der Göttin stilles Heiligtum,/Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl." (I, 1)

So redet kein Mensch. Und in der Tat bemängeln schon Goethes Zeitgenossen, die mittlerweile von den Sturm und Drang-Dramatikern an eine gewisse Lebensechtheit auf der Bühne gewöhnt sind, gerade die Unnatürlichkeit der Sprache.
Doch auch die Aussage des Stücks entbehrt nicht der Realitätsferne. Sie ist – im besten Sinne des Wortes – utopisch. Denn dass z. B. eine der archaischen Schicht angehörende Figur wie Thoas durch Iphigenies Einfluss im Namen der Humanität auf alle eigenen Ansprüche verzichtet, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Bloß wird man mit dem Zollstock der Wahrscheinlichkeit ein solches Stück nicht ausmessen können. Es entwirft – durchaus idealistisch – ein Bild vom Menschen, wie er sein sollte und vielleicht sein könnte: ein selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Wesen, das sich ohne Zwang menschlich anständig verhält und Konflikte möglichst ohne Waffengewalt zu lösen vermag. Dieses 'klassische' Menschenbild ist zugleich sehr modern, und unsere heutige Auffassung von einem autonomen, gleichzeitig aber zu friedlichen Konfliktlösungen fähigen Ich ist davon geprägt, ohne dass wir uns das immer bewusst machten – und ohne dass wir seiner Realisierung wesentlich näher gekommen wären. Doch dies spricht ja nicht gegen die Idee der Humanität als solche, wie sie in Iphigenie schlicht und zeitlos zum Ausdruck kommt.