Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Lyrik in Auswahl"

Freilich darf Sehnsucht bei Goethe nicht mit dem von der Romantik geprägten Begriff gleichgesetzt werden. Während die 'romantische Sehnsucht' das Jenseitige zum Gegenstand hat, wofür die Nacht als zentrale Metapher dient (vgl. Novalis’ Hymnen an die Nacht), ist Goethes Lyrik auf das Helle und Diesseitige gerichtet. Sei es im frühen Gedicht An den Mond oder im 1818 entstandenen Um Mitternacht – stets geht es um den im Hier und Jetzt erfahrbaren Trost:
"Füllest wieder Busch und Tal/Still mit Nebelglanz,/Lösest endlich auch einmal/Meine Seele ganz."
Und: "Bis dann zuletzt des vollen Mondes Helle/So klar und deutlich mir ins Finstere drang."

Selbst da, wo die Thematik des memento mori im Vordergrund steht wie in Wandrers Nachtlied (1780), herrscht weder Todessehnsucht noch ein tragisches Gefühl der Endlichkeit vor; vielmehr ist die Grundstimmung versöhnlich, die Parallele zwischen dem Ruhen der Natur und dem Bild des Todes als Ruhezustand beinhaltet das Akzeptieren eines übergeordneten Kreislaufs von Werden und Vergehen, in den der Mensch eingebunden ist. Damit weist das Gedicht voraus auf die 'Abgeklärtheit' der Alterslyrik, die das Thema z. B. in den – von manchen als nihilistisches Diktum mißverstandenen – berühmten Schlusszeilen von Eins und alles (1821) aufgreift: "Das Ewige regt sich fort in allen:/Denn alles muß in Nichts zerfallen,/Wenn es im Sein beharren will." Goethe selber ließ das spätere Gedicht Vermächtnis (1829) mit dem Ausruf beginnen: "Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!"

Von seinen frühen literarischen Versuchen an hat Goethe die Diskrepanz zwischen Augenblick und Dauer, Endlichkeit und Ewigkeit poetisch zu durchdringen versucht. Eingebettet ist diese Thematik in die Dialektik von individuellem Wollen und Erleben und allgemeiner kosmischer Gesetzmäßigkeit. Mit Urworte. Orphisch (1817), das zum Vorbild für jegliche spätere 'Gedankenlyrik' wurde, hat er gewissermaßen ein dichterisches Fazit seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Erscheinungen und Kräften des Lebens hinterlassen: "Diese wenigen Strophen enthalten viel Bedeutendes in einer Folge, die, wenn man sie erst kennt, dem Geiste die wichtigsten Gedanken erleichtert." (Zur Morphologie, 1820)