Interpretation Der Prozeß

An der Figur der Leni wird deutlich, dass der Zustand des Angeklagtseins eine erotisierende Wirkung besitzt. Leni findet die meisten Angeklagten schön. "Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings auch von allen geliebt zu werden [...]. Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön. Das ist allerdings eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche Erscheinung. [...] Die Angeklagten sind eben die Schönsten." Diese erotische Unterströmung setzt sich fort und erhält eine leicht perverse Note in K.s Begegnung mit den Mädchen auf dem Weg zum Maler. Eine war "schon ganz verdorben. Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem, aufforderndem Blicke an." Die Mädchen lugen durch die Ritzen in das Zimmer Titorellis und warten darauf, dass K. sich auszieht, um gemalt zu werden. "Die Frauen haben eine große Macht," sagt Josef K. zum Geistlichen im Dom, "besonders bei diesem Gericht, das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter eine Frau aus der Ferne, und er überrennt, um nur rechtzeitig hinzukommen, den Gerichtstisch und den Angeklagten."

Dieser Aspekt öffnet den Text zweifellos sowohl für psychologische als auch für theologische Interpretationsansätze. Natürlich liegt es auf psychologischer Ebene nahe, die Schuld, um die es in K.s Prozess geht, im Freudschen Sinne als Projektion der Schuld- und Angstgefühle eines Ich zu begreifen. Das Ich erlebt die primitiven und verbotenen Impulse seiner Triebe und hat damit das Gesetz im Sinne des Über-Ich übertreten. Gerade sein erotisches Verhalten wird in dem Augenblick enthemmt, in dem K. durch die Anklage gleichsam davon befreit wird, tatsächlich schuldhaft zu handeln. Trotzdem, die Gleichung geht nicht ganz auf. Wenn das Gesetz in irgendeiner Form das Über-Ich verköpern soll, dann passt die stark dem Primitiven verhaftete Sphäre der Richter nicht in dieses Konzept.

Eine ähnliche Schräglage entsteht bei dem Versuch einer theologischen Interpretation: Natürlich gibt es zum Teil sehr deutliche Anhaltspunkte und Verweise auf den religiösen Bereich. Die Szene mit Kaufmann Block beim Advokaten ist geradezu eine Persiflage auf das Erste Gebot und auf die Anbetung Gottes: "Da der Advokat nicht gleich antwortete, wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich, als wolle er niederknien. [...] der Advokat fragte ihn: 'Wer ist denn dein Advokat'? 'Ihr seid es', sagte Block. 'Und außer mir'? fragte der Advokat, 'Niemand außer auch Euch', sagte Block."

Der Ansatz einer religiösen Deutung des Textes erscheint noch schlüssiger durch das vorletzte und sehr wichtige Kapitel, das die Parabel vom Türhüter enthält. Diese Episode spielt im Dom, und ein Geistlicher tritt auf. In dieser Szene spielen das Gesetz der christlich-jüdischen Religion in Form der Zehn Gebote sowie das Motiv der Schuld in Verbindung mit Sexualität eine zentrale Rolle. Darüber hinaus stellt der christlich-jüdische, sich dem Logos entziehende Gottes- und Glaubensbegriff ähnliche Anforderungen (man möchte fast von Zumutungen sprechen) an den menschlichen Verstand wie das sich jedem vernunftbestimmten Zugang verschließende Gericht im Roman.