Interpretation: Nathan der Weise

Mit seiner Erzählung von den drei Ringen, die nicht zu unterscheiden sind, verlagert Nathan das theoretische Problem des Wahrheitsanspruchs der Religionen auf die praktische Ebene; weder führt er Vernunftgründe an, die für die Wahrheit einer der drei Religionen sprechen, noch will er den Streit durch die Hinwendung zu einer Vernunftreligion beenden. In der Parabel lässt Nathan den Richter lediglich einen Rat aussprechen:

"[...] Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. [...]

[...] – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'!"

Was der Richter fordert, sind Toleranz und Humanität, ist das sittliche Verhalten der Gläubigen als Gradmesser für den rechten, wahren Glauben. Als Vertreter dieser über ideologische Grenzen hinwegsehenden sittlichen Haltung wird der Jude Nathan dargestellt. Obwohl seine Familie von christlichen Kreuzrittern ausgerottet wurde, nimmt er – anstatt Rache und Vergeltung zu fordern – die verwaiste Christin Recha als seine Tochter an. Durch sein Beispiel wird auch der Tempelritter zu vorurteilsfreier, von religiösen Differenzen unbefangener Menschlichkeit geführt.

Ihnen gegenüber stehen – als Negativbeispiele – die kleinliche, engstirnige Daja und der machtbesessene, intrigante Patriarch, der Züge Goezes trägt. Die idealistische Tendenz des Stückes verurteilt ihr Handeln jedoch zur Wirkungslosigkeit.

Ganz bewußt rückt Lessing das Stück in zeitliche und räumliche Ferne. Ort und Zeit, das mittelalterliche Jerusalem während der Kreuzzüge, und das Ende, das Christen, Juden und Mohammedaner in gegenseitigen Umarmungen zeigt, nachdem sie ihre Verwandtschaftsbeziehungen entdeckt haben, verleihen dem Stück eine märchenhafte, utopische Atmosphäre.

Eine Aufführung erlebt das Stück zu Lebzeiten Lessings nicht. Lessing selbst äußert sich skeptisch über die Wirkung des Stücks und die Möglichkeit, es an deutschen Bühnen aufzuführen. An seinen Bruder Karl Gotthold schreibt er: "Es kann wohl sein, daß mein Nathan im ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird. Genug, wenn er sich mit Interesse nur lieset, und unter tausend Lesern nur einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt."

Erst in der Bearbeitung Schillers gelangt das Werk 1801 in Weimar auf die Bühne und gehört seitdem zum festen Repertoire deutscher Theater.