Interpretation: Prosatexte

Das Amulett
Bereits in Meyers erster Prosaerzählung Das Amulett werden diese Fragestellungen behandelt. Vordergründig wird ein Thema aufgegriffen, das zur Zeit der Abfassung des Textes in dieser Form längst nicht mehr in diesem Maße virulent ist, nämlich das Problem der fanatischen religiösen Intoleranz unter Christen verschiedener Konfessionen. Doch auf einer tieferen Ebene geht es um ein allgemeineres Problem: das der Erkenntnis und der fanatischen Verblendung, die gerade die Erkenntnis verhindert. Auf dem Schauplatz des Paris zur Zeit der Bartholomäusnacht und der Hugenottenverfolgungen stehen sich zwei Parteien gegenüber, die unfähig sind, ihren jeweiligen beschränkten Standpunkt zu transzendieren und zu einem Weltbild zu gelangen, in dem eine Koexistenz der Standpunkte, und damit auch das friedliche Zusammenleben von Katholiken und Protestanten möglich ist. Auch dem Helden Hans Schadau und seinem Freund Boccard gelingt dieser intellektuelle Schritt nicht, wenngleich ihre freundschaftlichen Gefühle und ihre gemeinsame schweizerische Nationalität sie verbinden. Beide haben fundamental verschiedene Auffassungen vom menschlichen Schicksal: Für den Calvinisten Schadau ist das Schicksal eines Menschen von Anfang an vorherbestimmt; für den Katholiken Boccard ist ein wundertätiges Eingreifen durch Heilige, vor allem durch die von ihm verehrte Mutter Gottes von Einsiedeln, eine unumstößliche Glaubensgewissheit. Als Schadau einem Duell entgegensieht, das er ohne fremde Hilfe kaum überleben kann, befestigt Boccard ein Amulett unter seinem Wams, das den Freund beschützen soll. Dass das Amulett den Degenstoß, der ansonsten tödlich gewesen wäre, auffängt, ist nun, je nach Perspektive, verschieden zu deuten: Für den Katholiken ist es ein Wunder, für den Calvinisten muss es, wenn er konsequent ist, Vorherbestimmung sein. Schon dieser Gedanke müsste religiöse Intoleranz für den Calvinisten von vornherein ausschließen, denn der deterministischen Auffassung zufolge muss es ja so sein, dass das Eingreifen eines Katholiken, dessen Wunderglaube inbegriffen, in Schadaus Lebensplan festgelegt war. Ob nun letztendlich der Katholik oder der Calvinist recht hat, bleibt offen. Was jedoch zählt und mit Sicherheit für die Rettung von Schadaus Leben verantwortlich ist, ist die Freundestreue Boccards einerseits und die metallene Stabilität des Amuletts andererseits. Diese konkrete, materielle Realität gibt auch den Anstoß für die Entstehung der Erzählung, denn erst nachdem Schadau, viele Jahre später, das Amulett und Boccards durchschossenen Hut wiedersieht, übt der Anblick dieser Gegenstände einen solchen Eindruck auf den Erzähler aus, dass er sich die Geschichte von der Seele schreiben muss.