Interpretation: Duineser Elegien (1923)

5. Elegie: Die fünfte ist nach der letzten Elegie die zweitlängste der Sammlung. Das Thema ist die Frage nach dem wahren Wesen von Zirkusleuten und Artisten: „Wer aber sind sie, [...], wem, wem zu Liebe ...“, was treibt sie an, das Leben zu führen, das sie führen?

Nach einer ausführlichen Vorstellung einzelner Figuren stellt sich die Frage nach Sein und Schein des Artistenlebens („der leicht scheinlächelnden Unlust“; „der Mann [...] prall und strammig erfüllt mit Muskeln und Einfalt“; „dennoch, blindlings, das Lächeln ...“) und die Anempfehlung der armen Seelen an den Kosmos: „Engel! o nimms, pflücks, ...“.

Dann geschieht abermals eine Wendung nach innen („Wo, o wo ist der Ort ...“), Zuschauer und Akrobaten werden zu Toten, Madame Lamort (Frau Tod) schlingt und windet „die ruhlosen Wege der Erde“, bis der gesuchte Ort („Engel!: es wäre ein Platz ...“) und das „endlich wahrhaft lächelnde Paar“ gefunden sind.

6. Elegie: Der bereits aus der ersten Elegie bekannte Held ist das zentrale Thema der sechsten Elegie. Der Held wird dargestellt als ein Gegenbild des mehrfach betrachteten Menschen und seiner conditio humana und unterscheidet sich diesem dadurch, dass er dessen Hindernissen und Einschränkungen nicht ausgesetzt ist: „er springt aus dem Schlaf [...] ins Glück seiner süßesten Leistung.“ Auch die den Menschen konditionierende Vergänglichkeit ficht ihn nicht an, denn „Sein Aufgang ist Dasein“. Der Held existiert bereits im Mutterschoß („War er nicht Held schon in dir, o Mutter,“) und sein Dasein ist dem des Heiligen sehr ähnlich, denn wie der Heilige, lässt auch der Held immer wieder los, was und wen er liebt, „abgewendet schon, stand er am Ende der Lächeln, anders.“

7. Elegie: Diese Elegie kreist um den Ganzheitsgedanken von Mensch und Natur, einmal mehr wird, hier allerdings einschränkend, die Frage nach dem Wesen der Dinge gestellt: „nicht Werbung [...] sei deines Schreies Natur“, wenngleich das männlich-aktive das weiblich rezeptive zu erreichen sucht („deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin.“)

Zugleich mit der Lobpreisung des Lebens („keine Stelle, die nicht trüge den Ton der Verkündigung“) wird dessen Ambivalenz offenbart („Triller, Fontäne, die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt“) und das Leben wandelt sich in ein wunderbares Hiersein („Hiersein ist herrlich.“). Angestrebt wird die Befreiung des Menschen aus seiner Abhängigkeit von Materiellem und Irdischem bis hin zu einer Verschmelzung mit dem Kosmischen. Eine Erfüllung des Lebens wird erst im Tod erreicht, und die materielle Welt wandelt sich in eine geistig-spirituelle, denn „nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen.“

Dieses Innere verschmilzt denn auch mit dem Kosmischen, wo die Engel zu Bewahrer dieser Innerlichkeit werden („Engel, dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaun steh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.“)

Und doch: Es bestätigt sich die Aufforderung des Anfangs („nicht Werbung [...] sei deines Schreies Natur“): „Glaub nicht, daß ich werbe. Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht.“ Ähnlich wie die Engel, sind übrigens auch die Götter der Werbung gänzlich abgeneigt (vg. dazu die Sonette an Orpheus, I 24).