Interpretation: Sonette an Orpheus (1923)

Interpretationsansätze:

Die beiden Teile dieser Sonettsammlung wurden „geschrieben als ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop“, für die junge Tänzerin also, die mit knapp 19 Jahren verstarb, noch bevor sie ihr ganzes Talent entfalten konnte. Mit dem Orpheus-Motiv ist sie auf doppelte Weise verbunden, denn zum einen steht Orpheus als Sänger und Musikant Weras Tanzkunst künstlerisch sehr nahe, zum anderen verschmilzt Wera mit der von Orpheus geliebten Eurydike, um deretwillen er in die Unterwelt hinabgestiegen ist.

Entsprechend beginnt der erste Teil mit der Vorstellung des orphischen Gesangs („O Orpheus singt!“, I 1), der sich als etwas Übernatürliches darstellt, das der Mensch nicht und nie erreichen kann. Der orphische Gesang ist nicht Begehr, nicht Werbung (vgl. die siebte Elegie), sondern „Da-Sein“ (I 3); „In Wahrheit singen [...] ist Ein Wehn mit Gott. Ein Wind.“ (I 3). Inmitten dieses Gesangs erscheint „fast ein Mädchen“, vollendet vom singenden Gott (II 2); Wera ist hier zweifellos gemeint, die „erstand und schlief.“

Besonders dieses zweite Sonett bildet zusammen mit dem vorletzten Sonett den „Wera-Rahmen“ dieses ersten Teils, während das erste und das letzte Sonett den übergeordneten „Orpheus-Rahmen“ bilden. Beide Sonettpaare zusammen lassen sich thematisch als „Orpheus und das tanzende Mädchen [= Wera]“ zusammenfassen.

Mit Orpheus, genauer gesagt, mit Gestalt und Erscheinung des Orpheus, beschäftigen sich auch die Sonette 5 bis 7, in denen der singende Gott vor allem als Zugehöriger der beiden Reiche, dem der Lebenden und dem der Toten („... aus beiden Reichen erwuchs seine weite Natur“) und als Überwinder der Vergänglichkeit („... einer der bleibenden Boten,/ der noch weit in die Türen der Toten/Schalen mit rühmlichen Früchten hält.“) gepriesen wird; jener Vergänglichkeit, der der Mensch so ausweglos ausgesetzt ist, die aber durch Orpheus und das Lied überwunden wird, denn „Einzig das Lied überm Land/heiligt und feiert.“ (I 19)

Die Doppelzugehörigkeit des sechsten Sonetts wird im neunten Sonett erneut beschrieben, diesmal als Voraussetzung für die ewigen Stimmen: „Erst in dem Doppelbereich/werden die Stimmen/ewig und mild.“

Die im siebten Sonett beschriebene Lobpreisung des göttlichen Sängers erinnert auch an die siebte der Duineser Elegien, wo es in der vorletzten Strophe heißt: „... mein Atem reicht für die Rühmung nicht aus.“, das lyrische Ich muss die Lobpreisung noch in fremde Hände legen („erzähls“), während das lyrische Ich des Sonetts sich selbst der Lobpreisung hingeben kann.