Interpretation: Sonette an Orpheus (1923)

Der zweite Teil der Sonettsammlung beginnt mit der Hinwendung an Atem und Luft („Atem, du unsichtbares Gedicht! “ .... „Erkennst du mich, Luft,... “), gefolgt von drei Sonetten, die sich mit dem Themenbereich Mädchen, Spiegel, Einhorn beschäftigen. Diese drei Elemente treffen in den Legenden um das Einhorn zusammen, denn diesem Fabeltier wird ein besonderes Vertrauen zu Jungfrauen nachgesagt. Dieses Vertrauen soll so weit gehen, dass sich eine Jungfrau nur an den Rand eines Einhornwaldes setzen muss, wenn sie einem Einhorn begegnen will. Das Tier kommt, sobald es die Jungfrau wahrgenommen hat, aus dem Wald heraus, legt sich neben sie, bettet seinen Kopf in ihren Schoß und schläft ein. Der Spiegel wiederum steht für die Eitelkeit des Einhorns, das sich selbst gern im Spiegel betrachtet. Aus diesem Grund verfügen auch alle Einhornwälder über einen See, in dem sich das Tier spiegeln kann. Ebenso geht die Kunde, das Einhorn sei nur in einem Spiegel zu sehen, den ihm eine Jungfrau vorhält; die Jungfrau, als Symbol der Reinheit, wird in diesem Fall gleichgesetzt mit einem zweiten Spiegel.

Das Motiv des Einhorns erscheint bereits in einem gleichnamigen Gedicht (Neue Gedichte, 1907) und in den Wandteppichen, anhand derer in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ das Wesen Abelones beschrieben wird.

Das dreizehnte Sonett, wie das vorhergehende durch Imperative strukturiert, spielt mit Gegensätzen und Paradoxien („Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir,...“) und expliziert das Eurydike-Motiv („Sei immer tot in Eurydike –„). Die für den Menschen fast unerfüllbare Forderung lautet hier: „Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung.“

Die Tänzerin – Wera – scheint im zweiten Teil in den Sonetten 18 und 28. Während sich das achtzehnte Sonett aus rein menschlich-irdischer Perspektive um Trost bemüht und das Bleibende hervorhebt („... er trug, dein Baum der Ekstase, ...ist nicht die Zeichnung geblieben, ...), beschreibt das vorletzte Sonett die Tänzerin auch bereits als Teil der göttlich-orphischen Welt („O komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze/für einen Augenblick die Tanzfigur/zum reinen Sternbild ...“)

Das letzte Sonett schließt den Kreis zum ersten des zweiten Teils und greift den Atem wieder auf, der jetzt „den Raum vermehrt“ und dadurch das Wandern zwischen den Welten, die Verwandlung, möglich macht: „Geh in der Verwandlung aus und ein.“ Kraft der Zugehörigkeit zu beiden Welten ist es möglich, das Eine, das Ganze zu suchen und sich dem ganzheitlichen Da-Sein hinzugeben:

„Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.“