Kurt Tucholsky / Biographie

In die Anfangsjahre der Weimarer Republik fällt Tucholskys produktivste und widersprüchlichste Zeit. Von 1918 bis 1920 war er Chefredakteur des „Ulk“, der Beilage des Berliner Tageblattes, dem nun das Pseudonym Theobald Tiger vorbehalten blieb. Gleichzeitig verfasste er Beiträge – mit zum Teil völlig konträrem Inhalt – für die Weltbühne und andere Zeitungen und schrieb Gedichte und Chansons für Kabarett und Revue, etwa für das Kabarett „Schall und Rauch“. 1919 und 1920 erschienen erste Sammlungen seiner Artikel und Gedichte in Buchform.

In der verworrenen politischen Situation unmittelbar nach Kriegsende versuchte Tucholsky schreibend seine Position zu bestimmen: Er wetterte gegen Militarismus und Untertanengeist, blieb gleichzeitig skeptisch gegenüber dem Programm der Spartakisten. Tucholsky hat sich nie von einer politischen Linie vereinnahmen lassen, als „entlaufener Bürger“ fühlte er sich einer kritischen Rolle verpflichtet, die politische Haltungen an moralischen Kategorien maß und Gefälligkeitsdenken ausschloss. Widersprüchlich ist sein kurzes, finanziell sehr lukratives Engagement als Redakteur des antipolnischen Hetzblattes „Pieron“ 1920/21, das von der Reichsregierung unterstützt wurde, um auf die Volksabstimmung über den Verlauf der deutsch-polnischen Grenze in Oberschlesien Einfluss zu nehmen. Später distanzierte sich Tucholsky von seiner Haltung und seinen damals erschienenen „dümmsten Arbeiten“, er habe damals „nichts verstanden“. Wegen dieses Engagements durfte Tucholsky nicht mehr für die Zeitschriften der USPD schreiben, deren Mitglied er seit 1920 war.

Entschieden indes war Tucholsky in seiner Ablehnung des Krieges und der Überzeugung, dass sich die Republik nur dann erfolgreich behaupten könne, wenn demokratischer Geist die Traditionen des Militarismus und des Untertanengeistes besiegt hätte. In der ersten Jahren der Republik wurde ihm die „Weltbühne“ zum Forum, in der er in scharfer Form diese verheerende Hypothek des Kaiserreiches kritisierte, seine wichtigsten Arbeiten erschienen in dieser Zeit: in seinen Artikeln zum Militär (u.a. die Militaria-Serie von 1919) prangerte er die Heuchelei und das falsche Pathos des preußischen Militärs an, in seinen Artikeln zur Justiz führte er eine von Standesdünkel und verlogenem Rechtsverständnis geprägte Gerichtsbarkeit vor. Tucholsky produzierte in diesen Jahren ungeheuer viel – allein 90 Artikel erschienen 1920 unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel – und wurde zu einem der einflussreichsten Publizisten der Weimarer Republik.