Kurt Tucholsky / Biographie

Tucholsky bezog Stellung zu den politischen Tagesereignissen und attackierte insbesondere die lauen Reaktionen der Justiz auf die politisch motivierten Morde und Attentate (Rathenau, Harden). Zugleich ging er mit der zögerlichen Haltung vieler Politiker zu Gericht, die eindeutige Stellungnahmen und Maßnahmen zum Schutz der Republik scheuten. Dass er sich mit seinen teils satirischen, teils bitterbösen Attacken bei den nationalen und nationalistischen Parteien unbeliebt machte, nimmt nicht wunder, doch auch der SPD ging seine Kritik oft zu weit. Tucholskys Polemiken brachten ihm – auch nach 1945 – immer wieder den Vorwurf ein, mit seiner Kritik übers Ziel hinausgeschossen zu sein und die Stabilität der Republik untergraben zu haben.

Im Jahr 1923 nahm Tucholsky kurzfristig eine Stelle in einem Bankhaus an. Die Inflation, die damals auf ihrem Höhepunkt angelangt war, war einer der Gründe dafür, ebenso wichtig scheint jedoch, dass Tucholsky persönlich wie beruflich in einer Krise war. Er war depressiv, hatte Selbstmordgedanken und zweifelte zunehmend am Sinn seiner Arbeit. Die politischen Ereignisse interessierten ihn immer weniger, Deutschland ödete ihn an, sein publizistischer Kampf um die Republik schien wirkungslos zu bleiben. Auch seine privaten Verhältnisse waren desolat: Er hatte 1920 die Beziehung zu Mary Gerold, die er 1917 kennengelernt hatte, beendet und überstürzt seine Jugendliebe Else Weil geheiratet; die Ehe hatte jedoch nicht lange gehalten. Er warb nun wieder um Mary Gerold, die er 1924 heiratete, und siedelte mit ihr nach Paris über. Ein Mitarbeitervertrag mit Siegfried Jacobsohn ermöglichte Tucholsky längere Aufenthalte im Ausland, und während der folgenden Jahre war er viel auf Reisen, u.a. schrieb er seine Reisereportage über die Pyrenäen.

Als im Dezember 1926 Siegfried Jacobsohn überraschend starb, übernahm Tucholsky kurzfristig die Leitung der „Weltbühne“. Da er jedoch nicht dauerhaft nach Deutschland zurückkehren wollte, trat bald Carl von Ossietzky an seine Stelle. Tucholsky blieb jedoch Mitherausgeber und prägte die Zeitschrift weiterhin mit seinen Beiträgen. Noch einmal setzte er sich in der Artikelserie Deutsche Richter grundsätzlich mit der Justiz der Weimarer Republik auseinander. Tucholsky schrieb nun häufig für die AIZ (Arbeiter-Illustrierte Zeitung), inspiriert nicht zuletzt durch deren gezielten Einsatz der Fotografie als politische Waffe. Zusammen mit John Heartfield arbeitete er an dem Buch Deutschland, Deutschland über alles (1929): In einer Collage aus früher erschienenen Texten und Fotografien aus der AIZ sollten zehn Jahre Republik noch einmal einer kritischen Prüfung unterzogen werden.