Interpretation: Lyrik

Mit seinen Bildgedichten, insbesondere für die Arbeiter-Illustrierte Zeitung, beschritt Tucholsky neues Terrain. Die AIZ setzte gezielt die Photographie als propagandistisches Mittel ein, Tucholsky, der die Ausdruckskraft dieses modernen Mediums schätzte, schrieb zu vielen dieser Bilder und Collagen Texte und Gedichte. Eines der bekanntesten Gedichte Tucholskys, Augen in der Großstadt, wurde 1930 als solches Bildgedicht der AIZ veröffentlicht. Im Original zeigte die AIZ eine Collage aus Gesichtern, die so montiert sind, dass die Augen den Leser meist frontal anblicken; links daneben Tucholskys Gedicht, das die Collage ergänzte und kommentierte. Es ist kein politisches Propagandagedicht, sondern fasst die moderne Großstadterfahrung: die flüchtige Wahrnehmung des Einzelnen in der anonymen Masse. Diese tagtäglichen Begegnungen sind Alltagserfahrung und ständige Irritation zugleich, ein Kennenlernen scheint unmöglich, die Vereinzelung des Menschen zementiert zu sein:

„Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,

es kann im Kampfe dein

Genosse sein.

Es sieht hinüber

und zieht vorüber …

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider.

Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.“