Interpretation: Politische Publizistik

Auch die Justiz blieb ein Hauptziel von Tucholskys Attacken. Die Gerichtsbarkeit, die mit kaltschnäuziger Ignoranz über die Lebensumstände einfacher Leute hinwegging, moralische Kategorien statt strafrechtlicher Prinzipien anlegte und aus Standesdünkel (vor)verurteilte, erlebte er als Klassenjustiz (Deutsche Richter, 1927). Doch auch bei politisch motivierten Umtrieben und Gewalttaten zeigte sich Justitia (zumindest auf dem rechten Auge) blind. Tucholsky zeigte darauf mit dem Finger. Heftig griff er die lauen Reaktionen der Justiz auf die Fememorde und Anschläge an, die von Rechtsradikalen verübt wurden, auf Liebknecht und Luxemburg, Erzberger, Rathenau und Harden. Die Attentate wurden verharmlost, die Hintermänner blieben trotz vorliegenden Materials im Dunkeln und die Verbrecher kamen oft mit milden Strafen davon. Zum Urteil im Prozess Harden, in dem die Tat als Körperverletzung gewertet wurde, schrieb Tucholsky in der „Weltbühne“: „Der Urteilsspruch ist klar. Er bedeutet: »Weitermachen!« Er ist ein Anreiz für den nächsten, wie der ähnliche Spruch gegen den Mordbuben Hirschfeld, der Erzberger anfiel, ein solcher Anreiz gewesen ist. – Reißt dieser Justiz die falsche Binde herunter! Wir haben keine Justiz mehr.“ (Prozeß Harden, 1922) Als Theobald Tiger hatte er nach dem Anschlag auf Harden in der „Weltbühne“ gedichtet: „Ich kann nicht mehr – Sie werden das begreifen – bei jedem Attentat ein Trauerliedchen pfeifen – es sind zu viel. […]“ (Harden, 1922)