Interpretation: Rheinsberg

Den Zauber und die Poesie erhält Rheinsberg jedoch allein durch den Ton, den Tucholsky anschlägt. Er lotet die Möglichkeiten der Sprache aus, abseits vom reinen Mitteilungswert das große Gefühl, das Ernste unter dem Deckmantel der Tändelei zu verbergen. Die Gespräche der Liebenden bestehen aus Andeutungen, halb ausgeführten Sätzen oder Geschichten, wirklichen oder vorgetäuschten Missverständnissen, phantastischen Sprachspielereien und offenbaren so ein Einverständnis miteinander, das eben zuerst ein nichtsprachliches ist. In diesem Sinne kommentiert der Erzähler: „Wozu noch sprechen? – Wir wissen ohnehin. Wozu versichern, betonen? – Wir wissen, wir wissen. Und das Erlebnis und ich und sie – das gibt einen Klang, einen guten Dreiklang.“

Claire und Wolfgang sind ein modernes Paar: sie fotografieren, gehen ins Kino und lassen sich treiben. Rheinsberg bietet nur die Kulisse, in der zwei grandiose Mimen das Schauspiel ihrer jungen Liebe geben. Über die verkrusteten Traditionen und biederen Verhaltensweisen, die ihnen in der verschlafenen Welt von Rheinsberg begegnen, spötteln sie und sind doch ganz einverstanden mit sich und der Welt: „Es war wohl mehr die allgemeine Freude, am Leben zu sein. Zwischen den Vergangenen und denen, die noch kommen würden – jetzt waren sie an der Reihe – hurra! –“