Interpretation: Schloß Gripsholm

Doch anders als in Rheinsberg zeigen sich auch Schatten: Breiten Raum nimmt die Parallelgeschichte um das Kind Ada ein, die sich im dritten Kapitel zuspitzt. „Das Kind“ oder „der Gegenstand“ ist der Machtbesessenheit der Leiterin des Kinderheims hilflos ausgeliefert ist. Tucholsky hat die Figur dieser Leiterin, Frau Adriani, mit Charakterzügen ausgestattet, die er von seiner eigenen Mutter kannte. Ausführlich werden die Triebkräfte für ihr Verhalten dargelegt: „Hier war alles […] gezählt, kontrolliert, aufgeschrieben und beaufsichtigt. Hier gab es nichts, das nicht ihrer Herrschaft unterstand. Sie fühlte: wenn sie den brennenden Herd scharf anblickte — er würde leiser brennen. Hier war ihr Reich. […] Ihre Welt. Sie knetete die Kinder. Sie formte täglich an vierzig Kindern, […] ein schmerzvolles, ein lustvolles Spiel. Und setzte immer die andern matt. Und siegte immer. Das Geheimnis ihres Erfolges war keines: sie glaubte an diesen Sieg, konnte arbeiten wie ein Bauernpferd und sparte ihre Gefühle für sich selbst.

Sie kam sich sehr einmalig vor, die Frau Adriani. Und hatte doch viele Geschwister.“ (III, 2)

Dieses Verhalten ruft Angst und Hass hervor, beim Ich-Erzähler beschwört die Begegnung mit Frau Adriani eine Phantasie über antike Gladiatorenkämpfe herauf – „Was hier vor sich ging, war ein einziger großer schamloser Zeugungsakt der Vernichtung. Es war die Wollust des Negativen […]“ –, die als Zukunftsvision schon auf die entfesselten Triebe verweist, die der Nationalsozialismus sich zunutze machen sollte: „Alles, aber auch alles, was der Tag an Geducktheit, an Unterdrückung, an Wunschträumen und nicht auszuübender Wollust in diese Bürger und Proletarier hineingepreßt hatte: hier konnte es sich austoben. Es war wie Liebeserfüllung, nur noch ungestümer, noch heißer, noch zischender. […] Die Grausamkeit schlug ihre Augen auf — sie hat schon so viele Namen gehabt, in jedem Jahrhundert einen andern.“

Politische Themen werden nur in Andeutungen berührt, durch gemeinsame Erlebnisse (des Ich-Erzählers mit Karlchen) und „die Übereinstimmung in Grundfragen“ legitimiert: Die Politik hat sich sozusagen in die Vergangenheit zurückgezogen. Tucholskys Ernüchterung und die Abkehr von der Politik und von Deutschland zeigt sich hier deutlich, doch ebenso, dass es keinen Urlaub von der Gegenwart gibt: „Es knisterte. »Steck die Zeitungen weg!« sagte ich. »Habt ihr gelesen...?« sagte er. Und da war es. / Da war die Zeit. / Wir hatten geglaubt, der Zeit entrinnen zu können. Man kann das nicht, sie kommt nach.“ Kurt und Lydia spielen auch mit dem Gedanken, für immer in Schweden zu bleiben (was Tucholsky im Jahr 1930 tatsächlich tat), doch sehen sie ein: „Nein, damit ist es nichts. Wenn man umzieht, ziehen die Sorgen nach. Ist man vier Wochen da, lacht man über alles — auch über die kleinen Unannehmlichkeiten. Sie gehen dich so schön nichts an. Ist man aber für immer da, dann muß man teilnehmen.“ So bleibt als verlässlichste Zuflucht das Miteinander: „Freundschaft, das ist wie Heimat.“