Literaturepoche Aufklärung

Toleranz und der unbedingte Wille, vorurteilslos nach der Wahrheit zu suchen, waren Lessings Ideale, die er mit seinen Freunden Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai teilte. Mendelssohn, dem im Nathan ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, sah im Judentum die Vernunftreligion der Aufklärung und hat entscheidend zur Integration der deutschen Juden beigetragen, einer Integration, welcher jene von ihm bekämpften Kräfte später ein brutales Ende bereiteten. Der Berliner Verleger Nicolai machte sich durch die Herausgabe von Zeitschriften wie die schon erwähnten Briefe, die Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste (1757–60) und die Allgemeine Deutschen Bibliothek um die Aufklärung verdient. In seinen späteren Jahren polemisierte er immer schärfer gegen alle irrationalistischen Tendenzen und wurde dadurch (und durch den Umstand, daß ihm ein langes Leben und Wirken – er starb 1811 – beschert waren) zur heftig angegriffenen und sogar noch von Eichendorff verspotteten Symbolfigur eines verknöcherten Rationalismus. Der ernsthafte Vorkämpfer für Fortschritt und Toleranz wurde paradoxerweise zu einem wegen seiner Intoleranz belächelten Anachronismus.

Diese Dialektik wohnt der Aufklärung von Anfang an inne und ist bis zum heutigen Tag nicht aufgelöst worden. Als »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) hat sie, längerfristig gesehen, die abendländische Welt aus den Banden von Feudalismus und Absolutismus, von Aberglaube und kirchlicher Dogmatik befreit. Die Aufklärung der Aufklärung aber, die Rückführung der Ratio auf eine Bedeutung, die dem ganzen Menschen in seiner Einheit von Körper, Geist und Seele gemäß wäre, steht noch aus; ihr Ausbleiben hat die abendländische Welt in der Polarisierung der Gesellschaft, wie sie besonders unser Jahrhundert geprägt hat, bitter zu spüren bekommen.