Literaturepoche Biedermeier

Mindestens im gleichen Maße wie Mörike ist Franz Grillparzer mit dem Biedermeier-Stigma belastet. Wegen seiner Formstrenge als Goethe- und/oder Schiller-Epigone verkannt, wegen seiner pessimistisch-resignativen Grundhaltung in der Behandlung der Macht-Thematik zum Dichter der Metternich-Ära abgestempelt, trug sicher sein Märchenspiel Der Traum ein Leben (1834) dazu bei, sein Werk als Aufruf zur tatenlosen Innerlichkeit zu mißverstehen, vor allem durch die Zeilen:

Eines nur ist Glück hienieden,
Eins: des Innern stiller Frieden
Und die schuldbefreite Brust.
Und die Größe ist gefährlich,
Und der Ruhm ein leeres Spiel,
Was sie gibt, sind nicht'ge Schatten,
Was sie nimmt, es ist so viel.

Freilich, aus dem Zusammenhang gerissen mag hieraus eine Aufforderung zu stiller Häuslichkeit abgeleitet werden, aber Grillparzer deswegen zum Vertreter biedermeierlicher Genügsamkeit auszurufen, grenzt an üble Nachrede. Sein Fatalismus ist alles andere als ängstlicher Schicksalsglaube, sondern rührt von seiner tiefen, gewiß auch leidvollen Welterfahrung her. Grillparzer kannte die ungeheure Macht, welche die – zumal verborgenen – seelischen Kräfte auf den Menschen ausüben, und so hat er in seinen Dramen nicht das Fatum walten lassen, sondern das Geschehen aus der – meisterhaft gezeichneten – tiefenpsychologischen Struktur seiner Figuren entwickelt.

Ob in König Ottokars Glück und Ende (1825) oder Ein treuer Diener seines Herrn (1828): es gibt in seiner Bühnenwelt ebenso wenig wirkliche Bösewichte wie strahlende Helden; alle Personen agieren aus der inneren Logik ihrer seelischen Beschaffenheit und geraten dadurch, gleichzeitig Opfer und Verursacher, in tragischen Konflikt. Das ist sein Wesenszug seiner den Schillerschen durchaus ebenbürtigen Geschichtsdramen, deren sentenzhafte Sprache ebenfalls an den Klassiker erinnert, ohne ihn jemals nachzuahmen (neben den schon erwähnten die Alterswerke Die Jüdin von Toledo, 1850–1860 entstanden, 1872 uraufgeführt, und Ein Bruderzwist in Habsburg, 1848/1872). Aber ebenso werden uns in der Bearbeitung antik-mythischer Stoffe (Sappho, 1818, die Trilogie Das goldene Vlies, 1821, Des Meeres und der Liebe Wellen, d. i. die Sage von Hero und Leander, 1831, sowie Libussa, 1848/1874) stets Menschen vorgeführt, die, auf der Suche nach dem persönlichen Glück, im Zwiespalt zwischen Erkenntnis und Tat an die von innen wie von außen gesetzten Grenzen geraten.