Literaturepoche Gegenwart: 1968 bis heute

Widerstandskraft der Poesie und Ästhetik wird zudem im kontinierlichen Œuvre durch die Jahrzehnte von Autoren wie Peter Weiss, Alexander Kluge, Herbert Achternbusch, Heinrich Böll, Peter Handke und Martin Walser stark gemacht. Das Gemeinsame dieser ansonsten thematisch sowie formal sehr unterschiedlichen Werke liegt im Bestreben, schreibend auf den Leser und dessen Wirklichkeitswahrnehmung und somit auf die Wirklichkeit selbst Einfluss zu nehmen. Sie geben dabei höchst differierende Antworten auf die Irritationen und Zumutungen der Wirklichkeit: So werden bei Heinrich Böll (Frauen vor Flußlandschaft, 1985) ähnlich wie in der Lyrik der 80er die Beschädigungen selbst zur Sprache. Martin Walser hingegen stellt in seinem Roman Verteidigung der Kindheit (1991) die Beschädigung des Menschen dar, während in Peter Handkes Kindergeschichte (1980) eine poetische Antwort auf Herausforderungen der Realität mit der Erschaffung einer neuen Lebenswelt durch Sprache gegeben wird. Handkes Programm in seinem gesamten Werk ist es, durch hohe Sprache und Pathos Gegenarbeit zu einer entfremdeten Wirklichkeit zu leisten, wie es ähnlich Alexander Kluge (1932) und Herbert Achternbusch umzusetzen versuchen. Achternbusch schreibt in allen seinen Texten an einer neuen Variante seines eigenen Leidens an einer Subjektivität, nimmt in der Abwendung von der Sprache jedoch eine Position in Nachfolge der literarischen Moderne ein. Darin kann man ihm Wolfgang Hildesheimer (1916-1991; Marbot, 1981) vergleichen, der in dieser fiktiven Biographie einer Figur der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts nach dem Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit fragt, eine fiktive Gegengeschichte zur Realität entwirft und damit zugleich ein kulturhistorisch präzises Bild dieser Epoche zeichnet. Eine Gegengeschichte zur gesellschaftlichen Geschichte ergeben Alexander Kluges Erzählungen (Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, 1973; Neue Geschichten. Hefte 1-18. Unheimlichkeit der Zeit , 1977), der die Wirklichkeit auf literarisch komplexe Weise verarbeitet und eine Veränderung im Blick des Lesers auf diese erhofft. Ebenfalls als „Gegengeschichte“ kann man Uwe Johnsons (1934–1984) Roman-Tetralogie Jahrestage (1970/71/73/80) betrachten, ein zeitgeschichtliches Kompendium vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zu den 80er Jahren, das sich gegen die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit in Politik und Alltag richtet. In einem zweiten gewichtigen Werk dieser Zeit, in Peter Weiss’ (1916–1982) dreibändigem Romanwerk Ästhetik des Widerstands (1975/78/81) wird Geschichte – die Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung – mit der kunsthistorischen-ästhetischen Geschichte auf einer dritten Ebene verknüpft, auf der des Werkes selbst; es wird eine Vermittlung des Politischen mit dem Künstlerischen und Ästhetischen geschaffen.

Wirklichkeitskritik und gesellschaftlicher Gegenentwurf in Form einer innovativen Formensprache findet sich vorwiegend bei jüngeren Autoren wie Ludwig Fels (Mein Land, 1978), Bodo Kirchhoff (Die Einsamkeit der Haut, 1981) oder Reinald Goetz (1954; Irre, 1983).