Literaturepoche Gegenwart: 1968 bis heute


Das Theater der 90er zeichnet sich vor allem durch eine Radikalisierung von Sprache und Themen aus, durch Subversivität, Gesellschaftskritik und Etablierung von neuen formalen Strukturen, die das kausal-lineare Erzählen von der Bühne verdrängten. Dieses Ansinnen verdichtet sich im Spiel mit der Schockierung des Publikums und den Inszenierungen der „jungen Wilden“, der Regisseure Christoph Schlingensief (1960), Frank Castorf (1951), Thomas Ostermeier (1968) und Christoph Marthaler (1951). Ein wichtiger Protagonist der Theaterlandschaft war der ehemalige DDR-Autor Heiner Müller (1929-1995), der sich in extremen Bildern mit der Gegenwart als gefährdetem Zustand und der Geschichte (Hamlet/Maschine, 1989/90, Mauser, 1991, Duell Traktor Fatzer, 1993, Quartett, 1994) auseinandersetzte. Theater war bei ihm politisches Theater und Totenbeschwörung. Radikale und polarisierende Stücke und Dialoge mit Toten verfasste auch die Österreicherin Elfriede Jelinek (1946), die 2004 den Nobelpreis für Literatur erhielt, deren dramatische Texte und Prosa jedoch stets für Skandale sorgten und dem Pornographievorwurf ausgesetzt waren (z. B. ihre Romane Die Klavierspielerin, 1983; Lust, 1989; Gier, 2000). Ihre Texte sind durch chaotisch aufgesprengtes Erzählen, Verlust an dramatischer Struktur, Aufgriff der aktuellen Gegenwart und Betonung des Körpers gekennzeichnet, und handeln überwiegend von Gewalt und Tod – etwa der Roman Die Kinder der Toten, 1995 oder die Stücke Wolken.Heim, 1990, Sportstück, 1998, Bambiland 2003.

Ebenfalls als führende Theaterautoren gelten Botho Strauß (Schlusschor, 1991, Ithaka, 1996) Peter Handke (Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land, 1989, Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten, 1992), Werner Schwab (1958-1994; Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos, (Fäkaliendramen)1991), Reinald Goetz (Festung, 1993), Marlene Steeruwitz (New York. New York, 1993, Ocean View, 1993) oder auch Urs Widmer (1938; Top Dogs, 1996), dessen Prosa (Der Geliebte der Mutter, 2000) ebenfalls hohen Bekanntheitsgrad erlangte.

Insgesamt ist die literarische Situation in den deutschsprachigen Ländern ab Mitte der 80er Jahre sehr komplex und es überlagern sich zahlreiche formale Stilrichtungen und thematische Orientierungen. Besondere Bedeutung muss jedoch dem „Neuen Erzählen“ beigemessen werden. Darunter versteht man ein in dieser Zeit erneut aufkommendes Erstarken der Fiktion, das Anknüpfen an klassische Gattungen und formale wie inhaltliche Traditionen und vor allem auch den Versuch, durch Erzählen einen komplexen Weltentwurf, die Vielfalt des menschlichen Lebens sowie eine Verschmelzung von objektiver und subjektiver Erfahrung, von Ich und Welt zu erreichen. Zu dieser neuen Erzählergeneration sind Autoren wie Christoph Ransmayer (1954), der mit seinem Roman Die letzte Welt (1988) versuchte, an die klassische Antike, an Ovids Metamorphosen anzuknüpfen, Thomas Hettche (Ludwig muß sterben, 1989; NOX, 1995), Helmut Krausser (1964; Fette Welt, 1992; Schmerznovelle, 2001; UC, 2003), Marcel Beyer (1965, Flughunde, 1995), Karen Duve (1961; Regenroman, 1999; Dies ist kein Liebeslied, 2004) und Georg M. Oswald (1963; Party-Boy, 1998; Im Himmel, 2003) zu rechnen. Voraussetzung dieser Bewegung war zum einen der Generationswechsel um das Jahr 1995, als zunehmend der Ruf nach einem Ablösen von Nachkriegs-Größen wie Grass, Böll, Handke oder Walser laut wurde und das Schreiben dieser neuen Erzählergeneration Abgrenzung war gegenüber diesen „Literaturheiligen“. Auch sind diese neuen Prosatexte zum anderen nicht mehr ohne die Reflexion ihrer medialen Vorraussetzungen zu denken, die unter dem Einfluss der neuen Techniken und der Einbuße der Rolle der Literatur als Leitmedium zum Ende des letzten Jahrhunderts unabdingbar wurde.