Literaturepoche Von der Jahrhundertwende bis 1933

Die meisten der genannten Autoren schrieben auch – meist lyrisch gefärbte – Kurzprosa (z.B. Benn den Novellenband Gehirne, 1916; Heym Der Dieb, 1912), in der neue Möglichkeiten des Ausdrucks erprobt wurden. Zu den wichtigsten Prosaisten des Expressionismus zählen Carl Einstein (1885–1940) mit seinem fast dadaistischem Roman Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders (1912) und Salomo Friedlaender (Pseudonym Mynona), dessen Grotesken (u.a. Rosa, die schöne Schutzmannsfrau, 1913; Ich möchte bellen, 1924) die bürgerliche Lebensform ad absurdum führten. Die zentrale Gestalt auf diesem Gebiet ist allerdings Alfred Döblin (1878–1957). Mit seinem Erzählband Die Ermordung einer Butterblume (1913) und seinen Romanen Die drei Sprünge des Wang-Iun (1915) und Berge, Meere und Giganten (1924) gelang es ihm, experimentelle Ausdrucksformen mit traditionellen Erzählmustern zu verbinden. Mit Berlin Alexanderplatz (1929) schuf er den Großstadtroman für den deutschsprachigen Raum; ein Werk, das in seiner Intensität und Komplexität mit dem Ulysses von Joyce vergleichbar ist.

Mit den Normen konventionellen Erzählens brach auch Hans Henny Jahnn (1894–1959) in seinem Roman Perrudja aus demselben Jahr. Der als Einzelgänger bekannte Autor hatte bereits mehrere Theaterstücke (darunter Pastor Ephraim Magnus, 1919 und Medea, 1926) geschrieben, die vor allem durch die unverhüllte Thematisierung von Sexualität für Skandale sorgten.

Als die führenden Dramatiker des Expressionismus gelten allerdings Carl Sternheim (1878–1942), Ernst Toller (1893–1939), Ernst Barlach (1870–1838) und Georg Kaiser (1878–1945). Sternheims karikaturistische Demontage der bürgerlichen Scheinheiligkeit in Dramen wie Die Hose (1911) und Der Snob (1914) entsprach der expressionistischen Grundhaltung, die in Tollers Stücken – u.a. Masse Mensch (1921), Der deutsche Hinkemann und Der entfesselte Wotan (beide 1923) – entschieden politisch akzentuiert wurde. Um eine völlig andere Problematik, nämlich um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, geht es in den Dramen des Bildhauers und Graphikers Barlach (Der tote Tag, 1912; Der arme Vetter, 1918; Die Sündflut, 1924). Georg Kaiser, der expressionistische Dramatiker par excellence, leuchtete in seinen – insgesamt über 60 – Dramen die Bedingungen und Möglichkeiten menschlicher Existenz aus. Ging es in Die Bürger von Calais (1914) um die Vision des »neuen Menschen«, vollzieht sich in Gas I und II (1918/20) eine apokalyptische Katastrophe, während in der Tragikomödie Von morgens bis mitternachts (1916) ein desillusioniertes Bild des Bürgers als letztlich von ökonomischen Zielen geleitetes Wesen gezeichnet wird.