Literaturepoche Von der Jahrhundertwende bis 1933

Die große, schier unübersichtliche und oft gegensätzliche Vielfalt der literarischen Produktion der Epoche, in der Franz Kafkas Werke entstanden, wäre unzureichend dargestellt, wenn der Hinweis auf eine Reihe von Autoren fehlte, deren Werk durch eine gewisse ‘Rückgewandtheit’ gekennzeichnet ist. Einerseits schufen große Persönlichkeiten der ‘vorexpressionistischen’ Zeit noch wichtige Werke bis weit hinein ins 20. Jahrhundert: So erschien 1932 Gerhart Hauptmanns Drama Vor Sonnenuntergang, seine Atriden-Tetralogie sogar erst in den 40er Jahren. Stefan Georges letzter Gedichtband Das Neue Reich wurde 1928 veröffentlicht, und Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien und Sonette an Orpheus, zwei Meilensteine der deutschsprachigen Lyrik, stammen aus dem Jahr 1923.

Überlappen sich hier zwei literaturhistorische Phasen, gibt es aber auch Zeitgenossen der Expressionisten, die sich formal und thematisch an der Literatur des 19. Jahrhunderts orientieren. Als Beispiel für diese ästhetische Haltung kann das Werk von Hans Carossa (1878–1956) angesehen werden. Meist autobiographisch, beinhalten seine Schriften (u.a. Eine Kindheit, 1922; Führung und Geleit, 1933) eine implizite Ablehnung der modernen Welt und den Versuch, eine vergangenes Zeitalter zu bewahren. Auch das christlich geprägte erzählerische Werk von Gertrud von Le Fort (1876–1971) – hier ist vor allem der Roman Das Schweißtuch der Veronika (1928) zu nennen – entbehrt innovativer Aspekte, was auch für den seinerzeit vielgelesenen Ernst Wiechert (1887–1950) gilt, dessen in der masurischen Einsamkeit spielenden Romane (u.a. Die Magd des Jürgen Doskocil, 1932; Die Majorin, 1934) die Suche nach dem »einfachen Leben« (so ein Romantitel von 1938) thematisieren und der damaligen Lebensrealität eine Absage erteilen. Auch Ina Seidel (1885–1974) blieb in ihren Romanen (Das Labyrinth, 1922; Das Wunschkind, 1930) und ihren Gedichten den Konventionen des vorangegangenen Jahrhunderts verpflichtet, ebenso wie Agnes Miegel (1879–1964) mit ihrer anachronistischen Verwendung der Balladenform.

Etwas außerhalb dieses Kontextes steht Oskar Loerke (1884–1941), dessen Naturlyrik keineswegs einen idyllisierenden Eskapismus bedeutet und alles andere als gefällig ist. Seine individuelle Auseinandersetzung mit der Schöpfung als vom Menschen grundsätzlich Unterschiedenes hatte großen Einfluß auf die Lyrik der Nachkriegsgeneration.

Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten machte den vielfältigen Entwicklungen ein abruptes Ende. Sehr viele Schriftsteller(innen) sahen sich gezwungen, Deutschland zu verlassen, für einige bedeutete das Dritte Reich Verhaftung und Tod. Die Verbliebenen zogen sich überwiegend in die sogenannte Innere Emigration zurück und verstummten – freiwillig oder durch Schreibverbot. Das Jahr 1945 konnte nur einen Neuanfang mit sich bringen, der gewaltsame Riß machte ein Anknüpfen an diese überaus reiche Phase der deutschsprachigen Literatur unmöglich.