Literaturepoche Jahrhundertwende

Als bedeutendster Repräsentant des Ästhetizismus der Jahrhundertwende kann Hugo von Hofmannsthal angesehen werden. Seine zahlreichen Bühnenwerke sind keine eigentlichen Dramen, sondern szenische Lyrik, schon die Titel geben eine Ahnung der schwebenden, morbiden Atmosphäre dieser Dichtungen, die in den Kleinen Dramen (1906) einen Höhepunkt und Abschluß fanden: Der weiße Fächer (1897), Die Frau im Fenster (1899), Der Tor und der Tod (1900), Der Tod des Tizian (1901). Nach einer existenziellen und künstlerischen Krise wandte sich Hofmannsthal einerseits der Nachdichtung weltliterarischer Dramen zu (u. a. Elektra, 1904, König Ödipus, 1910, Jedermann, 1911) und entdeckte andererseits den Weg zum Lustspiel (Der Rosenkavalier, 1910, Die Frau ohne Schatten, 1919), in welchem er in heiter-gelassenem Grundton die Klangfülle seiner lyrischen Sprache weiterentwickelte. Der Komponist Richard Strauss erkannte in Hofmannsthal den idealen Partner für seine musikdramatischen Werke, zahlreiche Opern zeugen von der engen Zusammenarbeit der beiden geistesverwandten Künstler.

Auch Arthur Schnitzler, der dem Kreis Junges Wien angehörte, hat mit seinen Stücken Liebelei (1895), Reigen (1896/97), Der grüne Kakadu (1899) ausgesprochenes Jugendstil-Theater geschrieben: frivol und zugleich melancholisch, kritisch und doch imprägniert von der Wiener Caféhaus-Atmosphäre der Sezession sind seine als Dialogfolgen aufgebauten dramatischen Werke schillernde, bei aller Zeitgebundenheit hochaktuelle literarische Dokumente der austro-ungarischen Dekadenzperiode, in denen vor allem die verlogene Sexualmoral den Ausgangspunkt für die entstehenden Konflikte darstellt.

Frank Wedekind, der als Mitarbeiter der berühmten Zeitschrift Simplicissimus ebenfalls zu Festungshaft verurteilt wurde, schockierte das Publikum mit dem Pubertätsdrama Frühlings Erwachen (1891). Die freie Entfaltung der Sexualität im Widerspruch zu gesellschaftlichen Konventionen thematisierte er in seinem Lulu-Doppeldrama (Erdgeist, Die Büchse der Pandora, 1895/1904), das Alban Berg zu seine großen Oper veranlaßte; die Konzentration auf die Gewalt des Geschlechtstriebes und das Fehlen jeglichen moralisierenden Ansatzes sorgt noch heute bei manchem Literaturwissenschaftler für ablehnendes Unverständnis.