Literaturepoche Klassik

Doch der Bewegung war jegliche politische Wirkung versagt, die meisten 'jungen Wilden' verstummten, Goethe trat fluchtartig seine Italienreise an – aus privaten Gründen: um dem Druck seiner Verpflichtungen als Minister in Weimar zu entkommen und um von der hoffnungslosen Leidenschaft zu Charlotte von Stein Abstand zu gewinnen; literarisch hatte er seine Sturm-und-Drang-Periode schon vor Jahren abgeschlossen.

Goethes Begegnung mit der Antike, die in den zwei Jahren seines Aufenthaltes südlich der Alpen stattfand, ist einer der Ausgangspunkte der Weimarer Klassik: sie bewirkte einen Wandel in seiner ästhetischen Haltung, und durch diesen vollzog sich nicht nur ein Neubeginn in seinem Leben, sondern auch eine Neuentfaltung seiner früheren, in der ersten Weimarer Phase z. T. stockenden kreativen Energie.

Die Sensibilisierung für die Welt der alten Griechen erfolgte allerdings schon vor seiner Abreise. Der Archäologe und Kunstgelehrte Johann Joachim Winckelmann hatte mit seinem Hauptwerk Geschichte der Kunst des Altertums (1764) einen entscheidenden Beitrag zu einer neuen Wahrnehmung der Antike geleistet, indem er den bis dahin historisch orientierten, auf Rom fixierten Blickwinkel auf das hellenische Altertum lenkte, in dessen Kunst er ein apollinisches Schönheitsideal erfüllt sah, dessen Wesen er mit der berühmten Wortfügung »edle Einfalt und stille Größe« charakterisierte.

Das Winckelmannsche Bild der Antike und sein darin enthaltenes Harmoniestreben wirkten als Katalysator für die Synthese, die Goethe – und dann auch Schiller – während der Periode der Hochklassik aus den zuvor auseinanderstrebenden Tendenzen gelang. Es bot die Vision eines ausgleichenden, organischen Miteinanders von Gefühl und Verstand, Natur und Kultur: eine Vision, die in der formbewußten, auf alles Grelle, Gekünstelte und Gewaltsame verzichtenden Dichtung jenes Doppeljahrzehnts ihren gültigen Ausdruck fand.

Bei Schiller löste eine intensive Auseinandersetzung mit den Schriften Immanuel Kants die Wendung zur Klassik aus. Kants Kritik der Urteilskraft (1790), die eine Ästhetik der Kunst und der Natur entwirft, wurde zum Ausgangspunkt für die zahlreichen eigenen ästhetischen Schriften. Der Aufsatz Über Anmut und Würde (1793) postulierte, über Kant hinausgehend, die Existenz des Schönen nicht nur im Betrachtenden, sondern als Ausdruck der Freiheit in der Erscheinung selbst, was er beim Menschen als »moralische Schönheit« bezeichnete, deren Ausdruck die Anmut sei. Im selben Jahr erschienen die Abhandlungen Vom Erhabenen. Zur weiteren Ausführung einiger Kantischer Ideen und Über das Pathetische, worin die Katharsis als Offenbarung von Freiheit und Wille im Leiden des tragischen Helden beschrieben wird.