Literaturepoche Nachkriegsliteratur (1945-1968)

Doch auch wenn es im Westen Deutschlands nach 1945 kaum literarische Rückkehrer aus dem Exil gab, so kehrten zunehmend all jene jungen Schriftsteller in ihr Land zurück, die als Soldaten gekämpft und den Schrecken des Krieges am eigenen Leib erlebt hatten. Nicht selten durch die Erfahrungen an der Front und in der Kriegsgefangenschaft traumatisiert, fiel es den meisten von ihnen schwer, in den Lebensalltag zurückzufinden. Als Schriftsteller wollten und konnten sie nicht an frühere literarische Traditionen anknüpfen; der durch den Krieg verursachte Schnitt innerhalb ihrer eigenen Biografie erzwang geradezu einen solchen auch auf künstlerischer Ebene. So forderte beispielsweise Wolfgang Weyrauch eine Literatur des „Kahlschlags“ oder Heinrich Böll eine „Trümmerliteratur“, die sich von den überkommenen ästhetischen Konventionen abwendet und sich bewusst und radikal der Realität zuwendet, mochte diese auch noch so düster und hoffnungslos erscheinen. Ein typisches Beispiel für diese neue Form ist Günter Eichs Gedicht Inventur (1947), in dem die triste Lebenswirklichkeit der Frontsoldaten unter Aussparung fast jeglicher Poetisierung und Ästhetisierung beschrieben wird. Vergleichbar nüchtern liest sich auch die erzählende Literatur Heinrich Bölls, in dessen Texten ebenfalls häufig die Erlebnisse von Soldaten im Zentrum stehen, etwa in seiner frühen Erzählung Der Zug war pünktlich (1949). Auch eines der bekanntesten Dramen der Nachkriegszeit, Draußen vor der Tür (1947) von Wolfgang Borchert, handelt von einem Frontheimkehrer, der mit einer Nachkriegsgesellschaft konfrontiert wird, die längst in eine scheinbare Normalität zurückgekehrt ist und die von seinen Kriegserlebnissen nichts wissen will.

Für diese Generation junger Nachkriegsautoren war Hans Werner Richter eine wichtige Integrationsfigur. Mit seiner politisch ausgerichteten Zeitschrift Der Ruf, die er 1946 zusammen mit Alfred Andersch gegründet hatte, bot er eine Plattform für ihre Publikationen. Als die Zeitschrift ein Jahr nach ihrer Gründung von der amerikanischen Militärregierung verboten wurde, gründete Richter die Gruppe 47. Dieser lose Zusammenschluss von Autoren – später auch von Literaturkritikern und Lektoren –, die sich (halb-)jährlich auf Einladung Richters zu einer mehrtägigen Versammlung trafen, um dort ihre neuen, unveröffentlichten Texte vorzustellen und gegenseitig zu kritisieren, prägte das literarische Leben der Bundesrepublik bis in die 60er Jahre hinein. Seit 1950 wurde der Preis der Gruppe 47 verliehen, der bald zu einem der renommiertesten Literaturpreise der Bundesrepublik avancierte. Zahlreiche Autoren, die die westdeutsche Nachkriegsliteratur bestimmten, gehörten, zumindest eine Zeit lang, der Gruppe 47 an – etwa Günter Eich, Erich Fried, Siegfried Lenz, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Wolfdietrich Schnurre oder Martin Walser.