Literaturepoche Romantik

Gerade von der Aufklärung als 'dunkel' herabgewürdigt, wurde diese Epoche nun zum untergegangenen Zeitalter der noch bestehenden Harmonie verklärt. Dabei ging es kaum um das historisch belegbare Bild des Mittelalters, das vielen Romantikern weitgehend unbekannt blieb, sondern um eine idealisierte, aus der Betrachtung gotischer Bauten und der Lektüre der Minnesänger geahnte, letztlich zeitlose Ära, deren Verlust in der Gegenwart, die man als schnöde und vom Philistertum beherrscht erlebte, beklagt und deren Wiederkehr mit Hilfe der Poesie ersehnt wurde.

Dieses ganz aus einem poetischen Geist geborene Verständnis des Mittelalters, das die Frühromantik (wegen ihres Hauptwirkungsortes auch Jenaer Romantik genannt) prägte, wandelte sich in der zweiten Phase, der sogenannte Hoch- oder Heidelberger Romantik. Nun wurde nach greifbaren Dokumenten der Vergangenheit gesucht, das Historische gewann an Bedeutung, und besonders die Volksdichtung, in der das verloren gegangene Urwissen um die Einheit aller Dinge vermutet wurde, rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Aus dieser Haltung heraus, die auf wissenschaftlichem Gebiet die Begründung der Geschichtswissenschaft und der Philologie in unserem heutigen Sinn zur Folge hatte, wurden Volkslieder, Volksmärchen und Volkssagen zusammengetragen: die berühmtesten Sammlungen sind Achim von Arnims und Clemens Brentanos Des Knaben Wunderhorn, alte deutsche Lieder (1806–1808) und die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm (1812–1814).

Das Märchen wurde zu einer der wichtigsten Gattungen der Romantik: neben die aus der mündlichen Überlieferung gewonnenen und mehr oder weniger bearbeiteten traten nach traditionellen oder exotischen Motiven erdichtete Märchen oder märchenhafte Erzählungen. Vor allem Wilhelm Hauff hinterließ mit seinem dreiteiligen Märchenalmanach auf das Jahr 1826 [–1828] für Söhne und Töchter gebildeter Stände) ein umfangreiches Œuvre, aber auch Brentano (Vom braven Kasperl und dem schönen Annerl, 1817, sowie Gockel, Hinkel und Gackeleia und Märchen), von Arnim (Isabella von Ägypten, 1812), Friedrich de la Motte-Fouqué (Undine, 1811) und Adelbert von Chamisso (Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1814) bereicherten dieses Genre, dem E. T. A. Hoffmann mit seinen psychedelischen Kunstmärchen (u. a. Der goldene Topf, 1815, Nußknacker und Mäusekönig, Klein Zaches, genannt Zinnober, 1819) eine neue Dimension hinzufügte.