Interpretation: Leben des Galilei

Die historische Figur

Der Naturwissenschaftler Galileo Galilei (1564-1642) gerät in Zeiten der Inquisition in einen lebensbedrohlichen Gewissenskonflikt, als er entdeckt, dass nicht die Erde das Zentrum des Universums bildet, sondern die Sonne, um die alle Planeten kreisen. Diese Entdeckung ist aber unvereinbar mit dem kirchlichen Dogma des geozentrischen Weltbildes, das die Erde als Mittelpunkt eines Systems von kristallnen Sphären sieht und den Menschen als Krone der Schöpfung gut beschützt im Zentrum dieser göttlichen Sphären vermutet.

Als Galilei auf seiner Theorie beharrt und seine Erkenntnisse trotzig verbreitet, bekommt er den Druck der Inquisition zu spüren, der auch schon der italienische Dichter und Philosoph Giordano Bruno (1548-1600) zum Opfer gefallen ist.

Unter dem Druck der Inquisition widerruft Galilei schließlich seine Theorien und wird 1633 für den Rest seines Lebens unter Hausarrest gesetzt. In dieser sozialen und gesellschaftlichen Abgeschiedenheit beendet er jedoch seine Discorsi, die es ohne den Widerruf wohl nie gegeben hätte. In diesen Abhandlungen begründet Galilei zwei neue Wissenschaften, die heute als Elastizitätstheorie und Kinematik bekannt sind.

Der historische Hintergrund

Galileis Italien des 16. und 17. Jahrhunderts ist geprägt von der absoluten Vormachtsstellung der Kirche und des Adels. Das Bildungsmonopol liegt allein beim Klerus, deshalb ist auch die Sprache der Gelehrten. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt dagegen von der Landwirtschaft oder (in den Städten) vom einfachen Handwerk; das tägliche Leben ist bestimmt von Aberglauben und Kirchenhörigkeit.

Die kirchlichen Lehren der Zeit basieren auf der rigiden Interpretation der Bibel und auf den Werken des Aristoteles (384-322 v. Chr.). Der Platon-Schüler (der später zu dessen schärfstem Kritiker wurde) ist der bedeutendste wissenschaftliche Philosoph und Begründer der auf Logik und Metaphysik basierenden Einzelwissenschaft. Auf seinen „Gottesbeweis“ (Gott als oberste Wirklichkeit), stützt sich das gesamte klerikale Mittelalter, das in der Erde das unumstößliche Zentrum des Universums und in dem Menschen die Krone der Schöpfung sieht. Diesem intelektuellen Fundament des Abendlandes konnte folglich in keiner Weise widersprochen werden, ohne gleichzeitig der klerikalen Weltordnung zu widersprechen.

Als Reaktion auf ein langsam und vorsichtig erwachendes Selbstbewusstseins einiger Kritiker der alten Traditionen, die die Vormachtstellung der Kirche und die Unantastbarkeit ihrer Lehren in Frage zu stellen beginnen, entsteht auf Seiten der Kirch die Inquisitionsbewegung, die zum Ziel hat, antikirchliche Aktivitäten im Keim zu ersticken und deren Rädelsführer zur Abschreckung aller grausam zu eliminieren. So werden vermeintliche Hexen, vom Teufel Besessene, aber auch Kirchengegner und unbequeme Gelehrte auf Scheiterhaufen öffentlich verbrannt.

Es entsteht ein soziales Klima voller Misstrauen, dem sich kaum einer entziehen kann; jeder kann von jedem denunziert werden und objektive Untersuchungen gibt es nicht. Die Institution Kirche wird somit zu einer Schreckensherrschaft und zu einem totalitären System.

Interpretationsansatz

Die zentrale Frage des Stückes kreist um die Bewertung des Widerrufs als Verrat an der Wissenschaft oder aber als notwendiger Konformismus zur Erreichung weiterer Ziele; ein solches rechtfertigendes Ziel ist im Falle Galileis der Abschluss der Discorsi.

Diese Auseinandersetzung ist im Brechtschen Œuvre alles andere als neu oder singulär: exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf eine der Keuner-Geschichten (Maßnahmen gegen die Gewalt) hingewiesen, die sich mit genau jener Frage beschäftigt, ohne allerdings – auch das ist typisch Brecht – eine eindeutige Antwort vorzugeben.