Literaturepoche Jahrhundertwende

Von Dr. Axel SanJosé

Wie ein in tausend Farbnuancen schillerndes Jugendstil-Mosaik stellt sich die literarische Landschaft der Jahrhundertwende dar. Mehr noch: so eklatant klaffen die Gegensätze zwischen der Lyrik Stefan Georges und Christian Morgensterns, den Dramen Frank Wedekinds und Hugo von Hofmannthals, der Prosa Robert Musils und Paul Scheerbarts, daß die Zusammenfassung dieser Literaten auf reiner Zeitgenossenschaft zu beruhen scheint. So fragwürdig literaturgeschichtliche Periodisierungsansätze oft sein mögen – im Fall der etwa vier Jahrzehnte, die das Jahr 1900 umrahmen, kann durchaus von einer Epoche die Rede sein, wenn man bereit ist, unter der Oberfläche auseinanderstrebender Strömungen und Einzelerscheinungen eine gemeinsame Tiefenstruktur zu entdecken, die allerdings nicht auf programmatischen und ästhetischen Übereinstimmungen beruht, sondern Reflex des historischen Bewußtseins jener Jahre ist: 'Zeitgeist' im völlig wertfreien Sinne.

Wie ein Paukenschlag, oder genauer: wie der spektakuläre Beginn der gleichnamigen Tondichtung von Richard Strauss signalisierte das Erscheinen von Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra (1885) einen generellen Neubeginn. Das Wort von der »Umwertung aller Werte« traf das allgemeine Bewußtsein, in einer Zeit des Umbruchs zu leben; die nahende Jahrhundertwende, die massiven Veränderungen auf sozialem, wissenschaftlichem und technischem Gebiet erzeugten ein neues Lebensgefühl: die Zukunft schien angebrochen. Gestalten wie Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Max Planck mit ihren umwälzenden, alle Lebensbereiche tangierenden Erkenntnissen prägten die Epoche, die ganz unter dem Zeichen der Neuerung stand.

Wie unterschiedlich sich diese Grundhaltung bei den einzelnen Künstlern und Literaten Ausdruck verschaffte, mag am Beispiel der beiden bedeutendsten Lyriker dieser Zeit veranschaulicht werden: Stefan George und Rainer Maria Rilke. George strebte, beeinflußt von den französischen Symbolisten, eine neue Poesie an, »kunst für die kunst«. Schon äußerlich ist sein Werk vom Willen zur Form bestimmt: mit konsequenter Kleinschreibung, eigener Interpunktion und typographischen Neuerungen gestaltete er in seinen als Zyklen angelegten Gedichtbänden – darunter algabal (1892), das jahr der seele, (1897), der siebente ring (1907), der stern des bundes (1914) – ein durch innere Geschlossenheit und formale Strenge gekennzeichnetes Gesamtwerk, dessen elitärer Anspruch von George selbst programmatisch festgelegt wurde.