Literaturepoche Aufklärung

Von Dr. Axel Sanjosé

Wie eine riesige Welle erfaßte eine philosophisch-gesellschaftliche Bewegung das Europa des 17. und 18. Jahrhunderts; sie veränderte das Bewußtsein des einzelnenen ebenso wie die politischen Strukturen, löste ein altes, von religiösen Vorstellungen bestimmtes durch ein neues, naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild ab. Die Aufklärung ist der entscheidende Entwicklungsschritt in der Geschichte der Neuzeit: sie ist das wesentliche Moment für die Überwindung von Feudalismus und Absolutismus sowie die Erhebung der Ratio zum obersten Prinzip jeglichen Handelns. Die Aufklärung bildet den Abschluß einer Tradition abendländischen Denkens und kann als Geburtsstunde unserer modernen Welt angesehen werden – mit all ihren Vorzügen und Schattenseiten. Mit ihr und durch sie vollzieht sich die in Humanismus und Renaissance begonnene Emanzipation des Individuums, gewinnt aber auch eine mechanistisch-empiristische Realitäts- und Weltauffassung die Oberhand.

Als literarische Epoche erscheint die Aufklärung in Deutschland im Gegensatz zu ihrer allgemeinen Bedeutung eher arm an hervorragenden Werken und Autoren. Das hat verschiedene Gründe: zum einen kamen die Hauptimpulse aus England und Frankreich, wo Schriftsteller und Denker wie Bacon, Hobbes, Newton, Locke, Hume, Descartes, Montesquieu, Voltaire, Diderot etc. ein System begründet hatten, das auf dem Primat von Vernunft und Erfahrung basierte und zugleich das Selbstbewußtsein des Bürgertums ausdrückte, das sich von politischen und ideologischen Bevormundungen löste. In Deutschland war diese Entwicklung längst nicht so weit vorangeschritten; so gab es hier zwischen Leibniz und Kant auch kaum bedeutende Philosophen, die eigenständige Ansätze entwickelt hätten; der Beitrag der einflußreichen Professoren Christian Wolff und Christian Thomasius bestand in der Hauptsache in der Popularisierung des Leibniz'schen Gedankengutes, das z. T. einseitig oder verzerrt wiedergegeben wurde.

Zum anderen liegt die literarische Dürftigkeit auch in der Natur der Sache selbst: je mehr die Dichtung lediglich als Vehikel zur Vermittlung der Ideale des gesunden Menschenverstands und des Tugendstrebens dienen mußte und ihr jeglicher Selbstzweck strikt untersagt war, desto weniger konnte sie sich als spontaner Ausdruck seelischer Regungen oder unmittelbaren Erlebens entfalten. Folgerichtig ist ein wesentliches Merkmal der Literatur der Aufklärungszeit das Programmatische, das sich als befruchtendes, die Reflexion über Literatur förderndes Element in den zahlreichen theoretischen Schriften erwies, sich aber oft auch als Konstruiertheit und Trockenheit in Drama und Prosa bemerkbar machte.