Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Die Leiden des jungen Werthers"

Gab es im 18. Jahrhundert schon Kultbücher? Im Plural ist es nicht gewiss, aber eines hat es auf jeden Fall gegeben: Goethes Briefroman aus aus dem Jahr 1774, den Werther. Dass es sich hierbei um keine literaturhistorische Idealisierung handelt, steht außer Frage; nicht nur die Verkaufszahlen, die begeisterten schriftlichen Äußerungen und die ungewöhnliche Anzahl der in wenigen Jahren entstandenen Übersetzungen in alle Weltsprachen wären Beweis genug – hinzu kommen die in zeitgenössischen Berichten dokumentierte Werther-Mode (blauer Frack, gelbe Weste und gelbe Beinkleider, Stulpenstiefel, runder Filzhut und ungepudertes Haar) sowie die versuchten und durchgeführten Selbstmorde, nicht selten mit dem Werther in der Hand, die in amtlichen Chroniken belegt sind.

Die Erklärung und Bewertung dieses Phänomens fällt unterschiedlich aus. Während eine Extremposition den Text auf seinen gesellschaftskritischen Gehalt reduziert und Werthers Verzweiflungstat letztlich als Aufschrei "einer ganzen Generation freiheitsdürstender, nach allseitiger Entfaltung ihrer Persönlichkeit strebender junger Menschen" deutet, "die die Trennungswände der Gesellschaft unter dem Feudalabsolutismus wie Mauern eines Kerkers empfanden"(aus dem Vorwort einer Ostberliner Ausgabe von 1954), sieht die entgegengesetzte Seite darin "die Krankheit einer allzu gefühlsseligen Zeit. [...] Es geht nicht allein um den unglücklich Liebenden, sondern um den ganz von seinem Gefühl hingerissenen, im Selbstgenuß seiner inneren Unendlichkeit Kraft, Willen und Ethos einbüßenden Jüngling, der nie zur Welt findet und hilflos in den Stimmungen seines Ichs versinkt." (Fritz Martini: Deutsche Literaturgeschichte)

Hier werden absichtlich zwei ältere, allgemeine Sekundärtexte herangezogen, weil sie auf sehr unverhohlene Weise die Schwierigkeiten des späten 20. Jahrhunderts beim Umgang mit diesem Text veranschaulichen. Mögen DDR und Wirtschaftswunder der Vergangenheit angehören: der Werther bleibt ein Klassiker, der sich ideologischen Deutungsversuchen entzieht. Worin die Faszination dieses Romans liegt, erschließt sich allein beim Lesen – vorausgesetzt, der Rezipient läßt sich unvoreingenommen auf die Lektüre ein, und das dürfte heutzutage das größte Hindernis sein.