Georg Büchner: Leben und Werk

Autor des Monats im Oktober 2008

Nach dem früh verstorbenen Schriftsteller und Revolutionär Georg Büchner ist die höchste literarische Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland benannt. Dieser Georg-Büchner-Preis (Büchnerpreis) wurde seit 1923 vom Volksstaat Hessen gestiftet und zunächst nur an Künstler vergeben, die aus Büchners Heimat Hessen stammen oder mit Hessen geistig verbunden waren. Während des III. Reiches (1933-1944) wurde der Preis durch einen Kulturpreis der Stadt Darmstadt ersetzt. Seit 1951 ist der Büchnerpreis ein allgemeiner Literaturpreis, der jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen wird.

1964 erhält diesen Preis Ingeborg Bachmann und hält die vielbeachtete Rede Deutsche Zufälle. Die große deutsche Lyrikerin ist vor 35 Jahren, am 17. Oktober 1973, genau an Büchners 160. Geburtstag, in Rom verstorben. Sie wurde keine 50 Jahre alt.


Zitate von und über Georg Büchner: Leben und Werk:

»Dieser Büchner war ein toller Hund. Nach 23 oder 24 Jahren verzichtete er auf weitere Existenz und starb. Es scheint, die Sache war ihm zu dumm.«

Alfred Döblin

»Die Wiederentdeckung Büchners am Vorabend des Weltkrieges gehört zu den wenigen literarpolitischen Vorgängen der Epoche, die mit dem Jahre 1918 nicht entwertet waren [...].«

Walter Benjamin: Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Auswahl und Einleitungen von Detlef Holz [d.i. W.B.]. Luzern 1936

»Damals also, in einer Nacht, schlug ich den Büchner auf, und er eröffnete sich mir im 'Woyzeck', in der Szene Woyzecks mit dem Doktor. Ich war wie vom Donner gerührt, und es kommt mir jämmerlich vor, etwas so Schwaches darüber zu sagen. Ich las alle Szenen des sogenannten Fragments [...], und da ich nicht wahrhaben konnte, daß es so etwas gab, da ich es einfach nicht glaubte, las ich sie alle vier- oder fünfmal durch. Ich wüßte nicht, was mich in meinem Leben, das an Eindrücken nicht arm war, je so getroffen hätte.«

Elias Canetti: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1972

»Die Kunst kommt wieder. Sie kommt in einer anderen Dichtung Georg Büchners wieder, im 'Woyzeck', unter anderen, namenlosen Leuten und [...] bei noch 'fahlerem Gewitterlicht'.«

Paul Celan: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1960

»Dieser Büchner war ein toller Hund. Nach 23 oder 24 Jahren verzichtete er auf weitere Existenz und starb. Es scheint, die Sache war ihm zu dumm. [...] Büchner war ein Revolutionär vom reinsten Wasser. Er mußte aus Hessen, wo er hetzende Flugblätter, fanatische Aufrufe verfaßt hatte, fliehen. Er soll seine dramatischen Werke zum Teil auf der Flucht und unter der drohenden Gefahr der Verhaftung geschrieben haben. Eine bessere Sternkonstellation für seine Werke kann ein Revolutionär nicht finden. Dann verfaßte er eine Arbeit über die Gehirnnerven der Fische und kam damit als Dozent nach Zürich. Womit der Vorfall beendet ist.«

Alfred Döblin: »Deutsches und Jüdisches Theater«. In: Prager Tagblatt 46 (1921), Nr. 303

»Alles, was Georg Büchner unternahm, tat er aus Leidenschaft und gab vor, er tue es, um Geld zu verdienen, was er auch verdienen mußte, da er sich seit 1835 darauf vorbereitete, in die Schweiz zu emigrieren.«

Friedrich Dürrenmatt: »Georg Büchner und der Satz vom Grunde«. Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1986

»Büchner ist neben Shakespeare, der ihn begeisterte und ohne den er nicht denkbar ist, ein Knabe, ein Säugling, aber ein stolzer Knabe und ein illustrer Säugling.«

Kasimir Edschmid: »Büchner«. In: Frankfurter Zeitung, 19. Mai 1922

»Hast Du den Band 'Werke von Georg Büchner' schon angesehen? Dieser germanische Idealjüngling, der übrigens in Frieden ruhen möge, weist denn doch in dem sogenannten Trauerspielfragment Wozzek eine Art von Realistik auf, die den Zola und seine Nana jedenfalls überbietet, nicht zu reden von dem nun vollständig erschienenen Danton, der von Unmöglichkeiten strotzt. Und dennoch ist vielleicht diese Frechheit das einzig sichere Symptom von der Genialität des so jung Verstorbenen, denn das Übrige ist ja fast nur Reminiszenz oder Nachahmung, keine Spur von der Neuartigkeit oder Selbständigkeit eines Götz oder der Räuber, als sie zu ihrer Zeit entstanden [...].«

Gottfried Keller: Brief an Paul Heyse vom 29. März 1880

»Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. [...] Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien. Die Chance, in das Nichts der gelenkten Sprache ein Wort zu setzen, wäre verloren. Meine Damen und Herren, indem ich mich zu einer Dichtung bekenne, die Gegnerschaft ist, bekenne ich mich zu Georg Büchner.«

Günter Eich: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1959

»Büchner´s Danton, von dem ich eben Proben im Phönix lese, ist herrlich. Warum schreib’ ich solch einen Gemeinplatz hin? Um meinem Gefühl genug zu thun [...]. Büchner’s Danton ist freilich ein Product der Revolutions-Idee, aber nur so, wie wir Alle Producte Gottes sind oder, wie alle Pflanzen und Bäume, trotz ihrer Verschiedenheit, von der Sonne zeugen [...]. Grabbe und Büchner: der eine hat den Riß [d.h. Plan, Entwurf] zur Schöpfung, der andere die Kraft.«

Friedrich Hebbel: Tagebucheintrag vom 28. Oktober 1839

»Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben! Mein Büchner tot, als seine Hand schon offen, Und als ein Volk schon harrete der Gaben, Da wird der Fürst von jähem Schlag getroffen; Der Jugend fehlt ein Führer in der Schlacht, Um einen Frühling ist die Welt gebracht; Die Glocke, die im Sturm so rein geklungen, Ist, da sie Frieden läuten wollt´, zersprungen. [...] Was er geschaffen ist ein Edelstein, Drin blitzen Strahlen für die Ewigkeit; Doch hätt er uns ein Leitstern sollen sein In dieser halben, irrgewordnen Zeit, In dieser Zeit, so wetterschwül und bang, Die noch im Ohr der Kindheit Glockenklang. [...] O bleibe, Freund, bei deinem Danton liegen! 's ist besser, als mit unsern Adlern fliegen. –«

Georg Herwegh: »Zum Andenken an Georg Büchner, dem Verfasser von 'Dantons Tod'« In: Gedichte eines Lebendigen. Mit einer Dedikation an den Verstorbenen. Zürich und Winterthur 1841

»Des unglücklichen Lenz Geschichte bricht finster ab, aber hinter diesem Finsteren dämmert ein Höheres, und seine Seele, fühlen wir, streift nur die Verzweiflung, verfällt ihr nicht.«

Hugo von Hoffmansthal: »Vorwort«. In: Deutsche Erzähler. Hrsg. v. H. v. H. Leipzig 1921

»Merkwürdigerweise jedoch war sein Blick, der die Hoffnungslosigkeit der politischen Malaise in Deutschland und die Passivität der deutschen Bürger längst erkannt und durchschaut hatte, schon lange vor seinem Tode nicht mehr auf den politischen Raum gerichtet, sondern fasziniert auf eine neue Welt biologischer Tabus und physikalischer Wunder hingewandt, deren Wirklichkeit seine Phantasie erahnte. [...] Büchner hat, wie Shakespeare, die Fähigkeit, verdichten zu können, ohne dunkel, bildhaft zu sein, ohne abschweifend zu werden. Er ist der Mann, der die Wirklichkeit in der deutschen Literatur am magischsten geformt hat. Er ist von herrlicher Jenseitigkeit, während seine Sprache von berückender Diesseitigkeit ist.«

Kasimir Edschmid: »Georg Büchner«. In: Ders.: Portraits und Denksteine. Wien 1962

»Eine ungeheure Sache [...], nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten, [...] der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, [...] wie selbst um den Rekruten Wozzek, alle Größe des Daseins steht, wie ers nicht hindern kann, daß bald da bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele, die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser mißbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltraum steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein [...].«

Rainer Maria Rilke: Brief vom 9. 7. 1915 an Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe

»Den Tonfall von 'Wozzek', die Melodie von 'Leonce und Lena' ist mir in Fleisch und Blut. [...] Das Theater ist bei Büchner, der ein Dramatiker war von Geburt, ein buntes erleuchtetes Loch, vor dem die Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen sitzen, die lieben Leute, denen man es doch ein bißchen deutlich machen muß, wie es im Leben zugeht.«

Kurt Tucholsky: »Büchner«. In: Die Schaubühne 9 (1913)

»Afterpoesie in der eigentlichsten Bedeutung«

Friedrich Theodor Vischer in einem Gespräch mit Berthold Auerbach. Berichtet von Richard M. Meyer in: Berliner Tageblatt, 12. Oktober 1913

»Und an Karl Gutzkow schrieb er: 'Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie.' Man braucht nur für das Wort Bauern die Lieblingsphrasen einer pluralistischen Soziologie einzusetzen, will sagen: Arbeitnehmer und Sozialpartner, um zu ermessen, wie tief Büchners Blick in die Zukunft reichte, nämlich, in dieser Frage, weiter als der von Friedrich Engels und von Karl Marx.«

Hans Magnus Enzensberger: »Politischer Kontext 1964«. In: Georg Büchner u. Ludwig Weidig: Der Hessische Landbote. Texte, Briefe, Prozeßakten. Kommentiert von H.M.E. Frankfurt a. M. 1965

»Ich hatte das Werk [Leonce und Lena], wie Büchner überhaupt, in den Achtzigerjahren kennengelernt und mich an dem Feuerwein dieser schmerzlich-süßen, frühvollendeten Jugend berauscht.«

Max Halbe: Jahrhundertwende. Zur Geschichte meines Lebens. Salzburg 1945 [über die Uraufführung als Freilichtspiel durch das Intime Theater in München am 31. Mai 1895]

»Der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stadt Darmstadt und dem Land Hessen danke ich für die Verleihung des Büchner-Preises und das Geld, das damit verbunden ist. Und Georg Büchner danke ich für mehr.«

Peter Handke: »Die Geborgenheit unter der Schädeldecke«. Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1973

»Georg Büchners Werke [...] hatten mir gewaltigen Eindruck gemacht. Das unvergleichliche Denkmal, das er nach nur dreiundzwanzig Jahren hinterlassen hat, die Novelle 'Lenz', das Wozzeck-Fragment hatten für mich die Bedeutung von großen Entdeckungen. [...] Georg Büchners Geist lebte nun mit uns, in uns, unter uns. Und wer ihn kennt, diesen wie glühende Lava aus chthonischen Tiefen emporgeschleuderten Dichtergeist, der darf sich vorstellen, daß er, bei allem Abstand seiner Einmaligkeit, ein Verwandter von uns gewesen ist. Er ward zum Heros unseres Heroons erhoben.«

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend. Berlin 1941. 2. Buch, 40. Kapitel [über eine Reise nach Zürich an Büchners Grab im Jahr 1888]

»Georg Büchner erhalten und einen neuen Gott zu Grabbe auf den Altar gestellt.«

Georg Heym: Tagebucheintrag vom 29. Januar 1909

»Mit einer gewaltigen Anstrengung bog er die Gegensätze, Partikel verschiedenster Bereiche, zusammen, um dann, assoziativ fortphantasierend, die Überzeugungskraft des künstlichen, aus Antithesen geschweißten Gebildes zu zeigen und seine plausible Identität zu beweisen. [...] immer geht es um die große Synopse verschiedenartigster Zeichen, um den Entwurf in sich widersprüchlicher Muster und die Zusammenfügung zeitlich und räumlich getrennter Elemente auf einem einzigen Plan. Auch die Büchnersche Szene gleicht einer rotierenden Bühne, auf der, im wirren Durcheinander [...] das sonst Unvereinbare, ja, schlechthin Inkongruente, zusammenprallt. Dem Lyrismus folgt die Zote, der Parodie die Idylle, der närrischen Tollheit ein Ernst ohnegleichen. [...] Wie weit, nochmals, war dieser vierundzwanzigjährige Poet, Soziologe und Anatom der Zeit voraus! Seiner Zeit? Oder unserer Zeit? Ist es möglich, daß künftige Epochen, neue Praktiken entwickelnd, auch diese schon bei Büchner vorgeformt finden? Es könnte wohl sein.«

Walter Jens: »Georg Büchner«. In: Ders.: Euripides. Büchner. Pfullingen 1964


Zitate von und über Georg Büchner:

»Und an Karl Gutzkow schrieb er: 'Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie.' Man braucht nur für das Wort Bauern die Lieblingsphrasen einer pluralistischen Soziologie einzusetzen, will sagen: Arbeitnehmer und Sozialpartner, um zu ermessen, wie tief Büchners Blick in die Zukunft reichte, nämlich, in dieser Frage, weiter als der von Friedrich Engels und von Karl Marx.«

Hans Magnus Enzensberger: »Politischer Kontext 1964«. In: Georg Büchner u. Ludwig Weidig: Der Hessische Landbote. Texte, Briefe, Prozeßakten. Kommentiert von H.M.E. Frankfurt a. M. 1965