Ali und Martina
Orhan Aras
Ich wanderte am Ufer des
Rheins, der mitten durch Köln verläuft
und sich 1320 km in die
Weite streckt. Der Nil Europas und Köln
mit seinem weltberühmten
Kölnisch Wasser. Und noch immer
kann man die Zeugnisse
der alten Römer erkennen, die Kolonien
von Agripis bis Preußen
hatten.
Manchmal blickte ich
flüchtig in das dreckige Wasser des Rheins.
Ich denke über meine
Fremdheit, das Alleinsein, und die
Trostlosigkeit nach.
Dann als plötzlich die Glocken des Kölner
Doms in ihrer ganzen
Wucht läuteten und ringsherum mich die
Leute einholten, wurde
mir wieder bewusst wo ich war und ich
trat den Heimweg an.
Bestimmt hatte meine Mutter wieder eine
ihrer köstlichen
türkischen Gerichte zubereitet und wartete schon
auf mich. In der
Eigelstrasse waren inzwischen noch mehr
Menschen. Die Strasse
wurde zunehmend von Türken bewohnt.
Istanbul Juwelier
Arabella, Anadolu Lebensmittelgeschäft,
Mevlana Lokal. Meine
Augen blieben an der Statur eines 700 Jahre
alten Römersoldaten haften,
die am Eigelsteintor stand. Vielleicht
verlangt das Leben
selbst, ständig ein Kämpfer und Fremder zu
sein.
Ich wollte kurzzeitig im
Sportclub vorbeischauen, an dem ich
vorbeikam, aber dann kam
meine Mutter mir in den Sinn und ich
ging meinen Weg weiter.
An der Ecke der Kommödienstrasse hörte
ich plötzlich ein
Wimmern. Als ich genauer hinschaute, sah ich
dass dort ein Mensch
lag, wo man nicht mehr erkennen konnte,
ob es sich um einen
alten oder jungen Menschen handelte. Ich
näherte mich ihm. Es war
ein blondes junges Mädchen, das völlig
verdreckt war. Schnell
nahm ich sie zur Seite. Sie kam etwas zu
sich. Auch öffnete sie
kurz ihre Augen und blickte mir ins Gesicht,
sie versuchte mir
irgendwas zu sagen. Aber ich konnte nichts
verstehen. Es war
eigentlich auch sinnlos, weil die Hälfte was sie
von sich gab mehr ein
Wimmern war. Während sie versuchte mir
brockenweise etwas
mitzuteilen, wovon ich sowieso nichts
verstand und was nur
noch mehr Fragen in meinem Kopf stellte,
versuchte ich ihr
Gesicht mit meinen Handflächen zu reinigen.
Während sie redete, lief
ihr der Speichel aus dem Mundrand. Ihre
Lippen waren blass und
ihre weißen Zähne blinkten aus ihrem
verschmutzen Gesicht
hervor. Sie war überall verschmutzt, die
Augen, das Gesicht waren
von Dreck bedeckt. Ihre blauen Augen
schimmerten dreckig.
Ich nahm ihren Kopf auf
meine Knie. Sie war vielleicht Anfang
zwanzig. Ihre Haare
waren voller Schlamm. Mir tat es in der Seele
weh, sie so zu sehen.
Polizei, Krankenhaus, Notarzt… Nichts kam
mir in den Sinn. Ich
nahm sie in meine Arme und brachte sie zu
einer nahe gelegenen
Bushaltestelle. Als der erfrischende Wind ihr
ins Gesicht blies, kam
sie mehr und mehr zu sich. Sie nahm meine
Hand und lies sie nicht
mehr los, so als ob sie mich schon
jahrelang kennen würde.
Ich zog meine Jacke aus und wickelte sie
darin ein. Wieder nahm
ich ihren Kopf auf meine Knie und redete
tröstend auf sie ein.
Als sie sich mehr und mehr beruhigte, konnte
ich endlich verstehen,
was sie mir sagen wollte. „Bring mich zu
meiner Mutter“, sagte
sie. Immer wenn sie das Wort „Mutter“
sagte, hatte ich das
Gefühl, als ob ich von einer Kugel getroffen
wurde. Ich war tief
betroffen von ihrem Aussehen und ihrer
kindlichen Bitte nach
ihrer Mutter. Ich musste auch weinen. Meine
Tränen fielen ihr auf
Gesicht. Sie drückte meine Hand auf ihr
Gesicht, als ob sie
versuchen würde ihre innerliche Angst, ihr
Feuer auf mich zu
übertragen. Noch zwei weitere große Tränen
von mir fielen auf ihr
Gesicht. Ich vergaß, dass sie eine andere
Sprache sprach, dass sie
aus einem anderen Land war, eine
andere Sprache hatte,
mit der sie die liebevollen Wörter sagte. Ich
sah sie nun vielmehr als
eine von uns. Als ob sie meine
Muttersprache könnte.
Ich hauchte ihr auf türkisch tröstende
Worte zu.
„Einverstanden,
versprochen, ich werde dich zu deiner Mutter
bringen“, sage ich zu
ihr. Sie zwinkerte mit ihren Augen, als ob sie
mich verstanden hätte.
Ich kann es mir nicht vorstellen, dass es
eine bessere
Verständigung geben kann als mit den Augen, die
soviel Reinheit und
Warmherzigkeit ausstrahlen können. Nach ein
paar Minuten, wo sie
sich beruhigt hatte, begann sie erneut zu
weinen. Ständig sagte
sie: “Ich will sterben“! Ich hatte ihre Hand
fest umklammert.
Du bist noch sehr jung,
fast noch ein Kind, sagte ich zu ihr. So wie
meine Worte aus dem Mund
flossen, flossen auch meine Tränen.
Sie hörte nicht auf
mich, sie weinte nur. Ich nahm sie auf den
Rücken. Ich wollte sie
mit zu uns nach Hause nehmen. Menschen
die an uns vorbeigingen,
schauten uns neugierig an. Auf dem Weg
nach Hause beruhigte sie
sich etwas. Eine zeitlang sagte sie
nichts. Dann fragte sie
mich in einer kindlichen Unschuld: “Bin ich
wirklich noch ein Kind?“
„Ja, du bist noch ein Kind, genauso wie
ich noch eins bin. Du,
ich, die hier draußen sind, jeder von uns ist
noch ein Kind.
Ein jeder von uns ist
irgendwo noch stecken geblieben. Bei einem
Kummer, bei einem
Streit, bei einem Unglück, bei einer Hoffnung,
irgendwo in einer
dunkeln Ecke warten wir darauf erwachsen zu
werden. Wir denken uns,
dass es einen Tag geben wird, wo wir
endlich erwachsen sein
können. Wir laufen, wir bleiben an etwas
hängen und fallen, wir
streiten uns und versöhnen uns wieder.
Und wir reden uns ein,
dass wir erwachsen sein werden. Aber
irgendwie schaffen wir
es nicht. Unsere Kindheit endet viel zu
schnell und zieht an uns
vorbei. Und später, später sterben wir
noch als Kinder. Ja als
Kind, als Kind mit einem kleinen Herzen
sterben wir!“ Sie hatte
ihr Gesicht auf meine Schultern gelegt und
hörte mir zu. Und sie
weinte. Ihre Tränen liefen mir den Rücken
hinunter. Als ich
endlich zu Hause ankam, war ich ziemlich
erschöpft. Meine Mutter
öffnete die Tür. Sie war verwundert, als
sie ein deutsches
Mädchen auf meinem Rücken sah. Aber als sie
ihre schreckliche Lage
sah, half sie mir, ohne mir viele Fragen zu
stellen. Wir brachten
sie in mein Zimmer. Ich verließ mein Zimmer,
so dass meine Mutter sie
säubern und waschen konnte.
Schließlich brachte
meine Mutter sie zu Bett. Als mein Vater spät
in der Nacht heimkam,
schilderten wir ihm die Situation. Erst war
er besorgt: “Informieren
wir lieber die Polizei“, meinte er. Aber wir
meinten, dass wir lieber
erst einmal den nächsten Tag abwarten
sollten. Schließlich war
er einverstanden. Als sich das Mädchen
ein bisschen erholt
hatte, ging ich zu ihr. In den sauberen weißen
Laken sah sie noch
kindlicher aus. Als sie mich sah, lächelte sie
und bedankte sich bei
mir. Sie fasste Vertrauen in uns, je mehr
sich meine Mutter um sie
kümmerte. Sie pflegte und hegte sie mit
ihrem freundlichen
Gesicht. Nun begann sie sich zu benehmen, als
wäre sie eine von uns.
Innerhalb von zwei Tagen erholte sie sich
wieder und konnte
aufstehen. Sie wollte gehen, aber wir ließen es
nicht zu. Nur mein Vater
war zu Recht besorgt. – „Wer ist sie? Was
ist sie? Was hat sie
getan? Das alles wissen wir nicht“, sagte er.
„Wenn wir Ärger bekommen
wird es uns schlecht bekommen. Nur
weil wir Ausländer sind,
werden sie uns noch schlechter
behandeln, vielleicht
weisen sie uns sogar aus Deutschland aus“!
Jedoch dachten ich und
meine Mutter anders darüber. Meine
Mutter: “Ich kann einen
Menschen nach den Augen beurteilen“;
sagte sie. „Sie wird uns
keinen Schaden zufügen, sie ist
bedauernswert, sie kann
solange bleiben wie sie will“. Sie blieb ca.
eine Woche bei uns.
Danach machte ich kurze Spaziergänge mit
ihr. Bei mir fühlte sie
sich wohl und gewann allmählich ihr
Selbstvertrauen zurück.
Meistens gingen wir ans
Rheinufer und beobachteten das Wasser,
die Brücken, die
Passagier- und Frachtschiffe. Ich erzählte von mir
und sie erzählte von
sich selber. Mein Gott, was musste dieses
junge Mädchen schon im
Leben durchmachen!
„Ich bin in Berlin
geboren“, erzählte sie. „Wir hatten in einem
Vorort ein großes Haus.
Eschen schmückten unseren Garten. Die
schönste Zeit meiner
Kindheit verbrachte ich in diesem herrlich
duftenden Garten. Wir
waren zwei Geschwister. Mein Vater war
bereits schon gestorben
als wir beide noch Babys waren. Ich
kannte ihn nur von
Bildern. Nach dem Tod meines Vaters wurde
meiner Mutter alles
gleichgültig und sie verfiel dem Alkohol. Sie
kümmerte sich nicht um
uns. Unsere Großmutter wurde unsere
richtige Mutter, die
sich rührend ums uns Kinder kümmerte. Und
es gab noch meinen
Bruder Karl. Er war ein Jahr älter als ich. Wir
waren sehr traurig, als
unsere Mutter uns schließlich verließ. Ich
war 12 Jahre alt und er
war gerade erst 13 Jahre. Wir hatten die
ganze Nacht geweint.
Dieser gemeinsame Schmerz verband uns
noch enger miteinander.
An manchen Tagen ging ich mit Karl
zusammen Regenwürmer
sammeln. Auf den Straßen gab es
immer diese braunen,
dicken, schleimigen Schnecken. Wir
machten immer
Wettbewerbe, wer die meisten Schnecken
zertreten konnte. Ich
konnte immer das Knacken der harten Köpfe
unter meinen Füssen
hören. Karl war ein kluges, aber
leichtsinniges Kind Er
dachte nie an die Folgen seines Handelns
und tat immer das was
ihm gerade in den Sinn kam. Das
schlimmste aber war,
dass er mich auch immer anstiftete. Obwohl
er ein recht frecher
Junge war, war er trotz allem liebenswert. Ich
liebte ihn sehr. Mit
seinem Gesicht voll Sommersprossen, seinen
langen roten Haaren,
seinen grünen Augen, die er von meinem
Vater geerbt hatte, war
er einmalig. Sein erwachsenes Verhalten
mir gegenüber fand ich
berauschend, faszinierend. Ich konnte mir
keinen Tag ohne ihn
vorstellen. Eines Tages als wir uns wieder
ärgerten, nahm er eine
schleimige Schnecke vom Boden und warf
sie auf meinen nackten
Hals. Mir schien es, als ob diese kalte,
schleimige Schnecke
durch meinen Hals in mein Inneres kroch.
Das war das erste was
mich anekelte, nachdem uns meine Mutter
verlassen hatte. In
jenem Augenblick schwankte ich zwischen
Übelkeit und
Ohmmachtsattacken. Ich lief nach Hause, während
ich Karl beschimpfte.
Ich umarmte meine Oma und weinte Rotz
und Wasser. Der Hass in
mir war unbeschreiblich. Ich hasste alles.
Das Alleinsein, das
Verlassensein und die damit verbundenen
Gefühle.
Vielleicht kamen mir bei
diesem Erlebnis mit der Schnecke all diese
Gefühle in mir hoch. In
jenem Augenblick öffnete sich die Tür zum
Abgrund und ich verlor
mich mitten darin. Die Nächte weinte ich.
Ich weinte immer so
heftig, dass ich weinend einschlief. Tagsüber
ging ich nach der Schule
immer mit meinem weißen Hund Rose in
den Garten. Ich legte
mich immer auf den Rasen und versuchte mit
meinem Hund Rose zu
reden. Vielleicht wirst du es nicht glauben,
aber er verstand immer
genau was ich sagte. Er schaute mir stets
tief in die Augen und
hörte mir zu. Danach weinte ich, und je mehr
ich weinte, umso mehr
jaulte er auf!“
„Meine Oma war eine
alte, erfahrene, gute Frau. Sie war sehr
religiös. Bei jedem
ihrer Kirchgänge versuchte sie auch uns
mitzunehmen. Meistens
aber erfanden wir einen Grund, um nicht
mitgehen zu müssen. Und
manchmal wenn ich doch dabei war,
schaute ich mehr zu
meiner Oma als zum Priester. Immer wenn
der Priester betete,
bewegten sich die Lippen meiner Oma und sie
wisperte. Obwohl sie
viele Wehleiden hatte, versuchte sie doch
trotzdem uns die
Einsamkeit zu nehmen. Sie nahm nicht mal mehr
den Namen meiner Mutter
in den Mund. Vor allem meine
Trostlosigkeit machte
ihr zu schaffen. Manchmal wenn wir beide
alleine waren, legte ich
meinen Kopf auf ihre Knie. Sie liebkoste
meine Haare. Sie
flüsterte immer dann in mein Ohr von meinem
tüchtigen, fleißigen,
aufopferungsfähigen lieben Opa. Und von
ihrer Liebe zu ihm.
Obwohl ich erst noch ein Kind war, konnte ich
verstehen, dass sie noch
immer an ihm hing und ihn liebte.
Danach erzählte sie vom
Krieg, von den Entbehrungen, von der
Nachkriegszeit, von der
Trennung und wie sie sich die Menschen
mit dem zunehmenden
Wohlstand ändern konnten!“
„Wegen der ständigen
Arbeit, brachten sie unsere Liebe und
Gefühle um“, sagte sie
immer. „Sie haben uns auch umgebracht.
Verstehst du mich? Sie
brachten uns um. Kann ein Mensch
existieren wo die Liebe
nicht herrscht? Wir entfremdeten uns
zunehmend voneinander,
so dass wir uns nichts mehr zu sagen
hatten. Unsere ganzen
Bindungen lösten sich auf. Überall konnte
man Menschen mit ihren
schlechten Herzen sehen, und ihren
blutverschmierten
Händen. Ich ekele mich für diese Entwicklung,
für diese Reinheit, für
diese Künstlichkeit. Zum Glück bin ich schon
alt und dem Tod nahe.
Ja, einerseits bin ich froh darüber. Aber
du… Deswegen bin ich
traurig. Du wirst ganz alleine sein, wie ein
einsamer Baum. Du wirst
in diesem Haus umherwandern, als ob
du in einer Höhle wärst.
Keiner wird sich nach deinem Befinden
erkundigen.
Du wirst ständig weinen,
dich selbst bemitleiden und dich somit
innerlich zerstören! Ich
weiß es einfach nicht, wie du das alles
verkraften kannst. Das
meiste, was sie prophezeite wurde
Wirklichkeit. Mit 18
Jahren war ich ganz alleine. Als ich eines
Tages, abends von der
Schule kam, fand ich sie ohnmächtig auf
dem Boden. Ich rief den
Arzt. Sie wurde ins Krankenhaus
eingeliefert. Sie war
auf einer Seite ihres Körpers behindert. Ich
ging noch in die Schule,
deswegen war es mir unmöglich, ihre
Pflege zu übernehmen,
Deshalb wiesen wir sie in ein Pflegeheim
ein. Kurze Zeit später
zog dann auch noch Karl mit seiner Freundin
nach Hamburg um. Wie es
schon meine Großmutter gesagt hatte,
war ich nun ganz alleine
auf mich selber gestellt
Dieses große Haus
erschien mir wie eine Höhle. Sobald ich einen
Fuß über die Schwelle
der Tür trat, begannen meine Hände und
Füße zu zittern an. Ich
kannte keinen Platz wo ich hin konnte. Ich
kannte auch keinen mit
dem ich hätte reden können. Die Nächte
konnte ich nicht
schlafen. Innerlich wurde ich zerfressen von
Ängsten und
Depressionen. Manchmal zwang ich mich dazu an
Jesus Christus zu
denken, von dem immer meine Oma erzählte.
Aber alles war so
unendlich weit weg von mir. Über das Leben
konnte ich nur negativ
denken. Was ist das Leben? fragte ich mich
selbst. Eine Kloake, ein
Abgrund, ein großer Haufen Dreck? Wir
fallen ständig von einem
Haufen in den nächsten!“
„Eines Morgens wachte
ich früh auf und verließ das Haus. Zwei
Tage wanderte ich durch
die Straßen umher. Ich beobachtete die
Menschen in der
Hohestraße. Ich hatte nichts zu tun. Auch wenn
ich Arbeit hätte, hätte
ich sowieso keine Kraft sie auszuführen.
Denn ich war nicht bei
mir selbst. Ich suchte ständig nach
jemandem, der mich zu
mir selber bringt. Ich kann nicht sagen
wen ich eigentlich
suchte. Aber ich suchte trotzdem nach ihm. Ich
wollte dass er immer bei
mir ist und meine Hand hält. Verödet,
ohne ihn, weit hinten,
inmitten von hunderten von Menschen war
ich alleine und nicht
bei mir selbst. Ich wurde wahnsinnig, weil ich
keinen fand, mit dem ich
hätte reden können. Ich wollte alle
beschimpfen, hatte aber
Angst. Ich wollte weg gehen, wusste
aber nicht wohin. Alles
zerbrach in mir und ich lief von allem weg.
Verfluchterweise wurde
ich in meiner eigenen Heimat eine Fremde.
Niemand liebte mich.
Meine inneren Gefühle, die Farben in meinen
Augen, die Wärme in
meinem Herzen und meinen Händen, alles
was mich zu einem
Menschen ausmachte, wurde einfach nicht
wahrgenommen. Man sah
mich wertloser als einen besitzlosen,
verkrüppelten Hund.
Zumindest dachte ich so.
Ich war wütend…. Ich war
wütend auf die, die mich so in meiner
Lage sahen und mich
nicht fragten: ‘WAS HAST DU DENN?‘ Mit
dieser Wut, schleppte
ich mich in ein Gasthaus. In diesem
Gasthaus konnte man kaum
die Hand vor Augen erkennen. Dicke
Rauchwolken hatten es
eingenebelt. Drinnen Gerüche, die sich
vermischten, Schimmel,
Schweiß, Alkohol. Mit dem
Geräuschpegel zusammen
wurde einem schwindelig. Ich setzte
mich an einen runden
Tisch mit grüner Tischdecke, der in einer
Ecke des Gasthauses
stand. Ich ignorierte die Blicke der Anderen.
Ich rief die
jugoslawische Kellnerin, die bestimmt schwarz
angestellt war, und
bestellte mir einen Whisky. Je mehr ich tank
umso schwindliger wurde
mir. Ich verließ mehr und mehr diese
Welt und mein Leben. Und
je mehr ich mich an den Alkohol
gewöhnte, umso mehr
entfernte ich mich von der Schule. Mir war
alles gleichgültig
geworden. Ausbildung, Zukunft, ein gutes Leben,
mir war alles egal.
Dabei war ich mitten im Abitur und trotz all den
Sorgen die auf meinen
Schultern lasteten, hatte ich gute Zensuren.
Meine Großmutter wollte
immer, dass ich studiere und einen
guten Job habe und einen
festen Platz in der Gesellschaft. Einmal
meinte sie sogar: ‚Ich
habe von dir geträumt, es war ein schöner
Traum. Auf deinem
Gesicht ging die Sonne auf. Das bedeutet,
dass du eine wichtige
Person wirst‘. „Ich habe aber nicht studiert.
Während sie redete,
schaute ich abwechselnd sie und den Himmel
an. Am Himmel waren
flauschig weiße Wolken, die miteinander
spielten. Die Sonne
tauchte zwischen ihnen auf und verschwand
dann wieder immer.
Die Straßen wurden
dichter. Es war schon vier Uhr. Die Arbeiter
hatten schon Feierabend
und gingen nach Hause. Einige zu Fuß,
einige mit dem Rad und
andere mit der Straßenbahn. Man konnte
ihre Ungeduld von den
Augen ablesen. Eine warme Suppe, ein
Stück Brot, eine Flasche
Bier und auf der Couch vor dem
Fernsehen dösen. Ich
blieb drei Monate in Berlin. Danach konnte
ich Berlin nicht mehr
ertragen. Ich vermietete unser Haus und kam
nach Köln. Einen Tag
bevor ich nach Köln kam, besuchte ich noch
mal meine Oma. Sie
redete nicht. Sie richtete ihre Augen auf mich
und weinte nur. Ich
blieb zehn Minuten bei ihr. Mir kam es so vor,
als ob ich mit ihren
Tränen in einen Abgrund fiele.
Ich arbeitete in Köln in
Gaststätten. Zwei Jahre war ich zwischen
Betrunkenen und falschen
Heuchlereien. Ich vergaß mich.
Zumindest dachte ich,
dass ich mich vergaß. Ich dachte wenn es
mich nicht mehr gibt,
dann gibt es gar nichts mehr.
Deswegen versuchte ich
alles, um mich durch mein Denken
verschwinden zu lassen.
Ich trank ständig. Einmal trank ich wieder
einmal bis spät in die
Nacht. Danach ging ich an die frische Luft,
um meinen brennenden
Körper zu kühlen. Draußen regnete es.
Mitten auf der Straße
blieb ich stehen und versuchte, die
Regentropfen
aufzufangen. Die in meiner Umgebung stehenden
bunten Wände, die aus
vergangener Zeit zurück gebliebenen
Parksteine, die kaputten
Bordsteine, alles schien Feuer zu spucken.
Autos, Menschen,
Stimmen, Farben, alles schien verschwunden
zu sein. Die Stadt
schien ein großer Friedhof zu sein. Ich hatte das
Bedürfnis mich gegen
eine Wand zu lehnen, einen Baum zu
umarmen und
einzuschlafen. Ich war müde und deprimiert. Ich
ging weiter. Ich rannte,
wobei ich meine Finger fest in meine Hand
bohrte. Später lief ich
fluchtartig vor allem fort. Vor den rechts und
links stehenden Autos,
den Menschen, den Hunden, dem Wind
und vor den Geräuschen
der Fliegen. Ich lief eben vor allem weg.
Hinter mir hörte ich
Schritte. Vielleicht waren es auch nur meine
eigenen Schritte. Sie
verfolgten mich und wünschten mir eine gute
Reise. ‘Los lauf, mach
dich fertig‘, sagten sie. Vielleicht war es
auch bloß nur meine
eigene Stimme. Ich war außer Atem. Die
Spitze meiner Nase
vibrierte und unter meinen Achseln war ich
schweißgebadet. Ich
setzte mich auf den Bordstein. Dort bin ich
wohl ohnmächtig
geworden!“
Als sie zu Ende geredet
hatte, nahm sie tief Luft. Sie war ermüdet.
Beschämt hielt ich ihre
Hand. Mit ihren Fingern drückte sie meine
Hand. Sie legte ihren
Kopf auf meine Schultern. Danach kamen aus
ihrem Mund zwei
türkische Wörter:
„Süt, kizim“ (Milch,
meine Tochter).
„Zwei von einigen
Wörtern, die ich auf türkisch kann!“ Danach
sprach sie weiter: „Ich
habe das von deiner Mutter gelernt. Deine
Mutter machte mir jeden
Morgen ein Glas Milch warm und gab
einen Löffel Honig dazu.
Wenn du nicht da warst verständigten
wir uns nur mit den
Augen. Sie sagte mir immer ‘Süt, kizim‘, als
sie das Glas Milch
reichte. Ich küsste sie zurückhaltend auf die
Wange. Weist du sagte
sie behutsam. Als du mich auf deinen
Rücken genommen hast,
war ich nicht ganz bei mir selbst. Als ich
ab und zu wieder zu mir
kam, dachte ich, ich sei tot und bereits in
einer anderen Welt.
Später als ich zu mir kam und neben mir deine
Mutter sah, die sich um mich
kümmerte und mir den Schweiß von
der Stirn wischte, die
ständig lächelte und ein gutes reines Herz
hat, kam sie mir mit
ihrem weißen Kopftuch wie ein Engel vor.
Manchmal erzählte meine
Oma uns von Engeln und Heiligen, um
uns zu beeindrucken.
Reine, leuchtende Erscheinungen. Ich dachte
mir, diese Frau die bei
mir ist, die in meine Augen schaut, die mein
Gesicht und Haare
streichelt, die mich mit ihren eigenen Händen
gefüttert hat und mir
Wasser gab, muss eine von diesen sein.
Auch wenn wir uns
gegenseitig sprachlich nicht verständigen
konnten, verstanden wir
uns ohne große Probleme. Ich verstand
alles was sie mir sagte.
Und sie verstand mich. Das kann man
vielleicht nicht
glauben, aber es war so. Zum ersten Mal erkannte
ich, was ein warmes
Lächeln alles bedeuten konnte. Ich kam mir
vor wie im Paradies,
wenn sie bei mir saß, meine Haare streichelte
und wenn sie lachend in
meine Augen schaute.
Ist es nicht schön ein
Mensch zu sein? Zu fühlen, dass du ein
Mensch bist? „Ja“, sagte
ich.
Sie schloss ihre Augen
und flüchtete in meine Arme. Ihr Kopf war
auf meiner Brust, sie
schlang ihre Arme um meinen Hals und
weinte. Auch ich weinte
mit ihr. Wie schön ist es doch ein Mensch
zu sein, zu fühlen dass
man ein Mensch ist!





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