Wie J. J. Bodmer das Nibelungenlied entdeckt

Vor dem Hintergrund der Frage, in welcher Form sich die Aufklärung mit Wissensbeständen der vorangegangenen Jahrhunderte auseinandergesetzt hat, kann am Beispiel des von Johann Jacob Bodmer wiederentdeckten und in mehreren Auszügen edierten Nibelungenliedes exemplarisch gezeigt werden, welchen Weg das von den Schweizern ausgehende Interesse für die mittelalterliche Literatur genommen hat und wie diese Entwicklung gerade nicht dem ursprünglichen Verständnis der Aufklärung folgt, die sich in der Kontinuität des Humanismus und damit auch der französischen Klassik sieht, sondern durch die Hinwendung zur zeitgenössischen englischen Literatur eine Neubewertung des Mittelalters begründet, die die im Humanismus verankerte Ablehnung gerade dieses Zeitalters aufhebt.

Johann Jakob Bodmer
Johann Jakob Bodmer (1698-1783), Spross einer Pfarrersfamilie aus Greifensee bei Zürich mit Ambitionen zum Kaufmannsberuf, verlässt als 20jähriger die Züricher Gelehrtenschule, das Carolinum, und begibt sich auf Reisen nach Lyon und Lugano, wo er französische und englische Literatur kennenlernt, darunter auch eine französische Ausgabe des englischen Spectator. Nach seiner Rückkehr tritt er 1719 in die Zürcher Staatskanzlei ein und beginnt, sich mit der Zürcher Geschichte zu beschäftigen und entsprechende Urkunden und Quellen ausfindig zu machen. Gleichzeitig ruft Bodmer mit seiner Gesellschaft der Mahler (1720-1722/23) einen geselligen Kreis ins Leben, in dem sich Professoren, Ärzte und Juristen zusammenfinden. Damit begründet er die über das gesamte Jahrhundert reichende Tradition intelektuell-akademischer Vereinigungen in der Limmatstadt, an der er selbst mit der Gründung von immer neuen Vereinigungen und Gesellschaften einen erheblichen Anteil hat.
Aus dieser Gesellschaft der Mahler geht 1721 die moralische Wochenzeitschrift hervor, die Bodmer im Alter von 23 Jahren zusammen mit seinem Freund und Studienkollegen Johann Jakob Breitinger (1701-1776) in einer Auflage von 200 Exemplaren herausgibt. Diese Zeitschrift, die sich am Modell des englischen Spectator orientiert, hat zum Ziel, gegen den Ruf der Kulturlosigkeit anzukämpfen, der der Schweiz zu Beginn des Jahrhunderts anhaftet. In diesen Discoursen, zumeist von Bodmer oder Breitinger selbst verfasst, werden Fragestellungen der praktischen Lebensführung, der Moral und auch der Ästhetik behandelt, die sich, nach englischem Vorbild, auch nicht zuletzt gegen den überladenen spätbarocken Stil (gothic manner of writing) richten und Opitz und de la Motte favorisieren.
Daneben erfolgt die Beschäftigung mit den Schriften Joseph Addisons, neben Richard Steele der Herausgeber des Spectator, durch die auch kunsttheoretische Überlegungen zum Erhabenen diskutiert werden. Ebenfalls über den Spectator wird John Miltons Epos Paradise lost bekannt, das Bodmer 1732 unter dem Titel Das verlorene Paradies ins Deutsche übersetzt. Das zwischen 1660 und 1667 entstandene, 10bändige religiöse Werk interpretiert den Sündenfall als Auflehnung des Menschen gegen den göttlichen Schöpfungsplan und sieht auch den Menschen selbst involviert in den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Satan. Kaum hat jedoch Bodmer seine Übersetzung herausgegeben, schaltet sich Gottsched ein, der erst zwei Jahre zuvor in seinem Versuch einer critischen Dichtkunst ein Regelwerk geschaffen hatte, das auf der Grundlage eines klassizistisch-aristotelischen Verständnisses eine Kunstform postuliert, die sich bei der Nachahmung der Natur an den Beschränkungen einer hypothetischen Wahrscheinlichkeit orientiert. Genau dieser hypothetischen Wahrscheinlichkeit gehorchen Miltons Engel und Teufel aber nicht, und so bezeichnet Gottsched Miltons Paradise lost als Machwerk ungeheurer Einbildung. Damit löst er eine Orientierungsdebatte aus zwischen denjenigen, die dem französischen Klassizismus des 17. Jahrhunderts anhängen und jenen Züricher Aufklärern, allen voran Bodmer und Breitinger, die von der zeitgenössischen englischsprachigen Literatur beeinflusst sind. Diese Grundsatzdebatte konfrontiert anhand der beiden literaturästhetischen Modelle - das in der Tradition des Humanismus stehende, klassizistisch-französische und das dem Mittelalter zugewandte englische - auch die Anhänger des ersteren mit dem neuen Selbstverständnis der gebildeten Schicht, die in England aus Handelsbürgertum und Landadel besteht; eine soziale Struktur, die sich wesentlich besser auf Zürich übertragen lässt als die bis dahin vorherrschende antikisierende Hofkultur. Als eine deutsche Variante dieser "Querelle" kann in diesem Zusammenhang der Streit zwischen Gottsched, Bodmer und Breitinger über das "Wunderbare" gelten.

Die Poetik der Schweizer stößt auf so viel Zustimmung, dass Zürich um 1740 bereits zum Zentrum einer neuen, modernen Literaturauffassung geworden und das bis dahin vorherrschende Bild einer umfassenden Kulturlosigkeit der Schweizer zunehmend in Vergessenheit geraten ist.
Bodmer und Breitinger sind in der Zwischenzeit Professoren an ihrer ehemaligen Bildungsstätte, dem Collegium Carolinum, geworden, wo Bodmer zwischen 1731 und 1775 das Weltbild einer ganzen Reformergeneration prägt.
Die beiden Freunde haben sich eine eigene Anhängerschaft geschaffen, mit der sie über die Ausbildungseinrichtung hinaus einen regen Austausch pflegen. Es beginnt die Zeit der Zirkel und Vereine, in denen sich die intelektuelle Elite zusammenschließt und die Themen der Zeit diskutiert. Die ersten Zusammenschlüsse dieser Art, von Bodmer und Breitinger ins Leben gerufen, sind die bereits erwähnte Gesellschaft der Mahler und die darauf folgende Literarische Gesellschaft (1725-1726. Die beiden wichtigsten Vereinigungen der folgenden Jahrzehnte sind die seit 1740 bestehende Wachsende Gesellschaft (bis 1748) und die Dienstags-Compagnie (1750-1772), in der sich seit dem Besuch Klopstocks in Zürich dessen Anhänger und Freunde versammeln.

In diesen Jahren entsteht auch der Eindruck von Freiheit und Unabhängigkeit, der vor allem den Zürchern aus deutscher Sicht anhaftet und der bewirkt, dass Zürich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem Zufluchtsort deutscher Aufklärer wird, die dann wiederum das Züricher Geistesleben maßgeblich mitgestalten.

Die Freymüthigen Nachrichten
Die zahlreichen Vereinigungen und Gesellschaften produzieren nicht zuletzt auch zahlreiche Schriften, die als gemeinnützige oder wissenschaftliche Publikationen einem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden sollen. Zu diesem Zweck entstehen periodisch erscheinende Zeitschriften, die bald - und dies nicht nur in Zürich - zu dem bevorzugten Medium der Aufklärung werden. Im Laufe nur weniger Jahre bilden sich verschiedene Formen und Arten von Zeitschriften und Zeitungen heraus, die ein immer differenzierteres Publikum mit klar umrissenen Interessensgebieten und Ansprüchen bedienen. So sind bald die reinen Unterhaltungszeitschriften deutlich zu unterscheiden von den moralischen Wochenschriften (wozu die Discourse der Mahlern zählen); diese wiederum von den literarischen Zeitschriften oder den Rezensionsorganen. Zu dieser letzten Gruppe gehören die von Johannes Heidegger und Salomon Wolf herausgegebenen Freymüthigen Nachrichten von neuen Büchern und anderen zur Gelehrtheit gehörigen Sachen, die ab 1744 wöchentlich mit einer Auflage von 200 bis 300 Exemplaren erscheinen. Die Freymüthigen Nachrichten sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses der gelehrten Welt in der Limmatstadt, die sich nun endlich, dank Bodmers und Breitingers poetologischer Publikationen, als richtungsweisendes literarisches Zentrum etabliert hat. Gelesen werden die Freymüthigen Nachrichten dementsprechend vor allem in Deutschland, und das gerade wegen des deutlich spürbaren Einflusses von Bodmer und Breitinger. Die zunehmende Anerkennung, die den Freunden in weiten Kreisen der literarischen Welt zuteil wird, geht nicht zuletzt auf ihre umfassende Präsenz in dieser Zeitschrift zurück. In insgesamt 20 Jahrgängen, von 1744 bis 1763, begleiten und reflektieren die Freymüthigen Nachrichten besonders Bodmers Schaffen und stellen damit heute eine nicht zu unterschätzende Quelle für die Aufklärungsforschung dar.

Vom Schwäbischen Zeitpuncte
Bodmers bereits erwähntes Interesse für alte Quellen der Zürcher Geschichte weitet sich in den 1720er Jahren aus auf die Suche nach Schweizer Volksliedern, in deren Texten Bodmer eine dem (Schweizer Berg)Volk eigene Natürlichkeit und Ursprünglichkeit zu finden hofft. Für Bodmer ergibt sich das Eigentümliche eines Volkes nämlich aus seiner geographischen Lage und den Einflüssen des dazu gehörigen Klimas; treffen diese beiden Faktoren vorteilhaft zusammen, entstehen die guten Sitten der Menschen, die wiederum die Grundlage für die Poesie bilden. Diese poetische Luft glaubt Bodmer in dem Gebiet zwischen Aar und Rhein wiedergefunden zu haben, und zwar zu Zeiten der Hohenstaufer, jenes schwäbischen Fürstengeschlechts, das zwischen 1138 und 1254 mit Friedrich von Büren, Friedrich von Hohenstaufen und Konrad III. die deutschen Kaiser und Könige stellt und zu dessen Herzogtum auch Zürich gehört. Diese als wesentlich empfundene Zugehörigkeit zum deutschsprachigen Kulturraum führt denn auch im Laufe von Bodmers Arbeiten unweigerlich und folgerichtig zu einer Abgrenzung desselben gegenüber den englisch- und französischsprachigen Kulturräumen.
1734 'belegt' Bodmer an einem Lehrgedicht (Die Winsbekin) die hohe Qualität der deutschsprachigen Literatur und erklärt die Stauferzeit zu einem goldenen Zeitalter der Dichtung, das erst 1268, mit Konradins Enthauptung auf dem Marktplatz zu Neapel, sein Ende findet.
Eine umfassende Bestätigung seiner Thesen findet Bodmer in der 1735 erschienen Abhandlung Enquiry into the Life and Writings of Homer des englischen Professors Thomas Blackwell, denn dort findet er nicht nur die These von der gesellschaftlichen und klimatischen Gebundenheit aller Dichtung, sondern auch Einiges zur mündlichen Vortragsweise der Epen Homers.
In seinem Aufsatz Von dem wichtigen Antheil, den das Glück beytragen muß, einen Epischen Poeten zu formieren. Nach den Grundsätzen der ‚Inquiry into the live [!] and the Writings of Homer’ fasst er zuerst die zentralen Aussagen Blackwells zusammen, um in einem zweiten Aufsatz, Von den vortrefflichen Umständen für die Poesie unter den Kaisern aus dem schwäbischen Hause, zu zeigen, dass die bei Blackwell beschriebenen Umstände, die das Entstehen der hohen Dichtung zu Homers Zeiten ermöglicht haben, auch für den deutschsprachigen Raum zur Zeit der Hohenstaufen gegeben waren. Diese besonderen Umstände setzen sich, nach Blackwell und Bodmer, zusammen aus einem gemäßigten, milden Klima und günstigen gesellschaftlichen Bedingungen, die wiederum von drei Faktoren abhängig sind, nämlich dem allgemeinen Zustand des Landes in Bezug auf Sitten, Rechtsordnung und Religion, die über das einzelne Land hinausgehenden allgemeinen Sitten der Zeit und die individuellen Gegebenheiten, also Herkunft, Erziehung und persönlicher Werdegang.

Zehn Jahre später gibt er auch Belege für das Vorhandensein der für die Poesie förderlichen sittlichen Voraussetzungen, und zwar anhand einer Abschrift einzelner Minnelieder der damals als Pariser Codex bekannten Manessischen Liederhandschrift, in denen er die seit langem gesuchte Natürlichkeit zu erkennen glaubt. Als Bodmer die Handschrift 1746 selbst in Augenschein nehmen kann, wird seine Suche nach Schweizer Wurzeln mit einem Hadlaub-Gedicht belohnt, das er in dem Manuskript entdeckt und das die vermeintlich Pariser Handschrift nicht nur augenblicklich zu einer Zürcher macht, sondern auch gleichzeitig den Beweis für die Qualität der Züricher Poeten liefert und die Vorstellung einer blühenden Kultur im mittelalterlichen Zürich nährt.

Bodmers Beschäftigung mit dem Nibelungenlied

Chriemhilden Rache und die Klage (1757)
Am 29. Juni 1755 erfährt Bodmer von dem Lindauer Arzt Jakob Hermann Obereit (1725-1798) von der Existenz zweier Codices altschwäbischer Gedichte in der Bibliothek der Reichsgrafen von Hohenems, und nur zwei Wochen später, am 14. Juli, bekommt Bodmer die Handschrift zur Abschrift zugeschickt. Bereits 1756 erscheinen in den Freymüthigen Nachrichten mehrere Verweise und Ankündigungen zum Nibelungen liet, das er schon jetzt öffentlich mit Homers Illias vergleicht. Die bevorstehende Edition des Fundes begleitet er wiederum mit Beiträgen in den Freimüthigen Nachrichten. 1757 veröffentlichen Bodmer und Breitinger Chriemhilden Rache und die Klage, das letzte Drittel derjenigen Handschrift des Nibelungenliedes, die heute als Handschrift C bekannt ist. Diese beiden Gedichte, so heißt es in der Einleitung, seien von hohem Wert und verdienten, bekannt gemacht zu werden; eine Ehre übrigens, die bei weitem nicht allen alten Schriften zusteht, denn „Es ist in der Tat für den Ruhm des schwäbischen Zeitpunktes am besten gesorget, wenn man nicht alles, was noch in dem Staube verborgen liget, an den Tag hervorziehet, sondern in dem was man uns giebt, eine reife und einsichtsvolle Wahl beobachtet. Das Ausnehmende in dieser alten Literatur ist eben nicht im Ueberflusse übrig.“

Das Weglassen der ersten beiden Drittel der Handschrift wird sowohl begründet als auch gerechtfertigt. Zur Begründung werden die nicht vorhandenen poetologischen Kenntnisse des Verfassers angeführt, der, statt den Regeln der Einheit der Handlung zu folgen, sich in Weitläufigkeiten ergangen hätte, die sich nur für Lebensbeschreiber (Biographos), nicht aber für Poeten und Dichter gezieme. Diese wiederum, in Kenntnis der Eigenheiten der menschlichen Existenz und der immer wieder in das menschliche Leben eindringenden Ereignisse, seien der Einheit der Handlung verpflichtet, die sich zu entfalten habe von dem Moment an, in dem ein Individuum erstmalig mit dem zu beschreibenden Ereignis konfrontiert würde und die genau bis zu dem Moment zu reichen habe, in dem das beschriebene Ereignis aus dem Blickfeld des Individuums hinausträte. Dagegen verstößt das Nibelungenlied insofern, als die erzählte Handlung, die diese Kriterien erfüllt, die Rache der Kriemhild darstellt, was bedeutet, dass alles andere, was in den 24 vorangegangenen Kapiteln berichtet wird, wenn überhaupt, viel kürzer und in ganz anderer Form hätte berichtet werden müssen.
Zur Rechtfertigung des selektiven Aktes des Weglassens bezieht sich Bodmer auf niemand Geringeren als auf Homer, der in seiner Illias ebenfalls die 10 Jahre vor dem Streit zwischen Achilles und Agamemnon weggelassen habe. Doch auch Homers Übersetzer haben zuweilen den Text gekürzt und den Dichter 'korrigiert': 1713 publiziert Antoine Houdar de La Motte (1672–1731) eine Übertragung der Ilias, die gegenüber dem Original deutliche Kürzungen und einige 'Korrekturen' aufweist. Dem eigentlichen Text ist ein Discours sur Homère vorangestellt, in dem der Bearbeiter sein Vorgehen rechtfertigt, was im Anschluss an die Veröffentlichung eine Debatte über den Vorzug von Original oder Übersetzung - die Querelle d'Homère - auslöst.

Nach Bodmers Bearbeitung bleiben von der Handschrift die letzten 14 Kapitel des Nibelungenliedes: Kriemhilds Rache und die Klage. Während Kriemhilds Rache durch die Darstellungen von Tapferkeit und den stetig variierenden Beschreibungen der Kämpfe und Gefechte an Homer erinnere, erinnere die Klage besonders an den letzten Gesang der Illias; das beschriebene Leid, so Bodmer, sei der von Andromache, Hecuba und Helena ausgesprochenen Totenklage um Hector sehr ähnlich.

Chriemhilden Rache und die Klage
Die Rache der Kriemhild beginnt bei Bodmer mit dem letzten Vers der Strophe 1682 (26. Aventiure). Er selbst weist in seiner Vorrede darauf hin, dass die Handschrift einen starken Defekt erlitten habe; sie ist zwischen der 24. und 26. Aventiure lückenhaft, die 25. Aventiure fehlt vollständig. Um diesen Bruch auszugleichen, „hat der Herausgeber ergänzet, damit das Gedicht von Chriemhilden Rache nicht ohne einen Kopf wäre.“ Bodmer greift also selbst zur Feder und verfasst eine Einleitung in mittelhochdeutscher Sprache.

Als Gesang werden übrigens in der Übertragung auch die einzelnen Kapitel bezeichnet, und die kurze Einleitung zum ersten Gesang der Rache der Schwester situiert die zeitliche Entstehung des folgenden Gedichtes durch die Nennung der beiden antiken Protagonisten Achilles (Illias) und Ulysses (Odyssee) in Bezug zum Beginn der Homer-Rezeption in Deutschland, denn es heißt:„Eh die aonischen Musen in Deutschlands hainen gewandelt,/ Als Achilles noch nicht in deutschen gesängen gefochten,/ Und Ulysses die freyer noch nicht im bettler betrogen/Sangen die Eschilbache, von deutschen Musen begeistert, [...]“

Auf die Gegenüberstellung des Textes der Handschrift mit den Texten von Bodmers Edition wird an dieser Stelle verzichtet, denn zum einen ist diese Edition bereits ausführlich in der Sekundärliteratur behandelt worden, und zum anderen sind in dieser ersten Ausgabe die Abweichungen vor allem Transkriptionsdiskrepanzen und daher marginal.

Erfolg ist dieser Publikation keiner beschieden, denn trotz der umfangreichen Auslassungen ist selbst ein Drittel des als Homer-Pendant angekündigten Nibelungenliedes nicht leserfreundlich genug, die Sprache zu schwierig und unbekannt, sind die edierten Verse zu lang, um dem Leser damit einen Zugang zu dieser Literatur zu ermöglichen.

Die Fragmente
Nach der Klage sind noch insgesamt sechs Fragmente aus dem nicht edierten Teil der Handschrift C angefügt, bei denen es sich im Großen und Ganzen um Textabschriften handelt. Diese Fragmente sind fortlaufend, als unstrukturierte Verse aneinandergefügt und nur durch ihre Überschriften gekennzeichnet. Im Einzelnen handelt es sich dabei um:

Von den Nibelungen (Sp. 241-243)
Diese Passage stellt vor allem Siegfried vor und entspricht den Strophen 86 bis 100 der Handschrift. Vollständig ausgelassen wurde die Strophe 95 („Si heten da ir friunde zwelf chune man/die starch als risen warn waz chundez si v/er\van?/die slvoch sit mit zorne div Sifrides hant/vñ rechen sibenhund/er\t dwanger von Nibelunge lant“); hier drängt sich der Verdacht auf, dass vielleicht die zwölf Riesen und die darauf folgenden 700 Recken Bodmer zu abenteuerlich erschienen.
Desweiteren fehlen die Verse 3 und 4 der Strophe 99 („so sp/ra\ch von Tronege Hagene daz hat er getan/also grozer chrefte nimere reche gewan“). Das Auslassen dieser beiden Verse scheint wenig logisch, ist doch Hagen seit Beginn dieser Passage (Strophe 86) als Erzähler eingeführt. Oder sollte ihn wiederum das Absolutistische des Erzählerkommentars gestört haben?

Wie Sifrit zuerst Chriemhilden sah (Sp. 243-246)
Dieser Teil entspricht den Strophen 283 bis 298 und weist lediglich eine Auslassung in der Strophe 293 auf, in der der letzte Vers („mit tvgenden si grvzte Sifriden sint“) fehlt, ohne dass sich dafür auf den ersten Blick eine Erklärung finden lässt.

Wie Sivrit Brunhilden baendigte (Sp. 246-248)
Diese Episode wird in den Strophen 683-693 erzählt, Bodmer lässt allerdings den letzten Vers von 683 („d/er\ chunic in sinen sorgen hete manigen gedanch) sowie die Strophen 684 ("Ez dvhte in harte lenge e daz er si betwanch/si drucht im sine hende daz vz den nageln sp/ra\nch/daz blvot im von ir chreften daz was dem helede leit/sit b/ra\hter an ein lovgen die vil herlichen meit") und 685 ("Ir gefvges willen des si e da iach/d/er\ chunich iz allez horte swier doeh niht ensprach/er drvchtes an daz bette daz si vil lvt erschre/ir taten sine chrefte do vil grozlichen we“) weg; offenbar ist ihm auch diese Quasi-Vergewaltigungsszene mit dem aus den Nägeln spritzenden Blut zu abenteuerlich.

Zank der beiden Frauen (Sp. 248-249)
Hier wurden die Strophen 846 bis 849,3 und 853 bis 858 wiedergegeben und auch in diesem Fragment findet sich eine Auslassung, nämlich ein Teil der Auseinandersetzung zwischen Kriemhild und Brunhilde vor dem Speyerer Dom. Interessant ist hierbei, dass ein Teil dieser Auslassung auch bei der Umdichtung dieser Passage in die Ballade von 1781 weggelassen wurde.

Wie Chriemhilde Hagenen entdeket, an welchem orte Sivrit zu verwunden sey (Sp. 249-250)
Diese kurze Passage, die den Strophen 908 bis 910 der Handschrift C entspricht, weist zwar keine Auslassung, dafür aber eine andere Besonderheit auf, nämlich die falsche Transkription des Wortes herten (909,3), das bei Bodmer zu hercen wird. Das dies nicht nur ein Transkriptionsfehler ist, sondern auf Bodmers fehlender Kenntnis des Wortes herte (mhd. Schulterblatt) und eine daraus folgende, unrichtige Vorstellung auch des Todesstoßes zurückzuführen ist, zeigt sich spätestens bei Bodmers Übersetzung (aus Hs. A, 923/0924) seiner Ballade von Siegfrieds Tod.

Wie Giselher den anschlag Sivrit zu toeden widerrieth (Sp. 250)
Die letzte Episode entstammt den Strophen 873 und 874 und berichtet lediglich von Giselhers Widerspruch zu den Mordplänen gegenüber Siegfried.

An diesen Fragmenten zeichnet sich bereits ein wesentliches Merkmal der Bodmerschen Dichtungstheorie ab, auf das er selbst bereits im Vorwort dieser Ausgabe hingewiesen hat, nämlich die fließende Grenze zwischen dem Wunderbaren und dem Abenteuerlichen (vgl. Graphik). Dabei geht Bodmer zunächst von einem Neuen aus, das Bodmer als Gegensatz zum Gewöhnlichen versteht. Dabei ist das Gewöhnliche entweder festlegbar oder aber aus alten Texten rekonstruierbar. Hieraus ergibt sich das Neue als Opposition; beide Konzepte bewegen sich innerhalb des Wahrscheinlichen, und dort in einer gedachten Mitte. Im Grenzbereich des Wahrscheinlichen, aber ebenfalls noch innerhalb dieses Raumes des Wahrscheinlichen, befindet sich das Wunderbare, das als eben noch zulässiges Extremum des Neuen auftritt. Überschreitet nun aber das Wunderbare die Grenze des Wahrscheinlichen, dann wird es zu einer Übertreibung, und genau das ist für Bodmer das Abenteuerliche - eine Art Übertreibung des Wunderbaren, oder anders ausgedrückt: das Abenteuerliche ist das Wunderbare außerhalb der Grenzen des Wahrscheinlichen.
Und genau an einer solchen (Text)Stelle greift Bodmer in den Text ein und schiebt das Abenteuerliche (hier: 9.000 Krieger) beispielsweise durch Reduktion (hier: auf 900 Krieger) zurück in den Bereich des Wahrscheinlichen.
Diese Vorgehensweise ist sehr schön an seiner Nachdichtung von Chriemhilden Rache (1757) zu sehen, dem 10 Jahre später veröffentlichen Text Die Rache der Schwester (1767), in dem er die in der ursprünglichen Strophe 1687 genannten Zahlen drastisch verringert: aus sechzig Heerführern werden dreißg, aus tausend Rittern dreihundert und aus neuntausend Waffenknechten eben neunhundert.

Die Rache der Schwester (1767)
Bevor Bodmers neuhochdeutsche Bearbeitung dieser ersten Edition zehn Jahre später erscheint, erscheinen einzelne Szenen bereits in den Zürcher Wöchentlichen Anzeigen, wo sie in einen direkten Bezug gesetzt werden zum gerade beendeten Siebenjährigen Krieg.
Diese Edition muss als sehr frei bezeichnet werden. Die Übertragung entspricht dem Teil, der 1757 als Chriemhilden Rache ediert wurde und besteht aus vier Gesängen, die insgesamt 12 Aventiuren beinhalten. Eingeleitet wird die Bearbeitung von 10 Versen, die die Entstehung der Handschrift zum einen nicht mehr auf eine Muse zurückführen, sondern als Dichterleistung der Eschilbache bezeichnen, und zum anderen in einen direkten (vor)zeitlichen Bezug setzen zum Beginn der Homer-Rezeption im deutschsprachigen Raum; die dann folgende Übertragung beginnt mit der 1757 eingefügten Überleitung. Das verwendete Versmaß ist, wie schon in einigen Bodmerschen Bearbeitungen seit 1750, der Hexameter; die ursprüngliche metrische Form, die als Nibelungenstrophe bekannte Strophe aus vier paarweise reimenden Langzeilen zu je zwei Kurzzeilen, bleibt dementsprechend unberücksichtigt. Die Hexameterbearbeitung ist im Sinne des antiken Epos modifiziert und enthält auch moralisch-ethische Retuschen.
In diesem Zusammenhang wurde bereits nachgewiesen, dass vor allem Klopstocks Messias-Dichtung das formale Vorbild dieser Bearbeitung gewesen sein muss.

Die Balladen (1781)
Hatte Bodmer lange Zeit den ersten Teil der aufgefundenen Nibelungenlied-Handschrift literarisch kaum beachtet (vgl. dazu die bereits 1757 edierten Fragmente), so ändert sich seine Ansicht in seinen späten Jahren zumindest partiell, insofern nämlich, als er gegen Ende seines Lebens noch einige wenige Aventiuren des ersten Teils als ebenfalls frei bearbeitete Balladen veröffentlicht. 1781 erscheint sein Büchlein Altenglische und altschwäbische Balladen. In Eschilbachs Versart. Zugabe von Fragmenten aus dem altschwäbischen Zeitalter, und Gedichten; darin finden sich insgesamt 13 ins Deutsche übersetzte Balladen aus der Sammlung Reliques von Thomas Percy und drei Nachdichtungen aus dem Nibelungenlied: Sivrids mordlicher Tod (S. 150-158), Die wahrsagenden Meerweiber (S. 159-167) und Der Königinnen Zank (168-178). Hierbei handelt es sich um Balladen auf der Basis einzelner Aventiuren des ersten Teils des Nibelungenliedes, und zwar diesmal höchstwahrscheinlich auf Basis der Handschrift A. Übernommen hat Bodmer solche Episoden, die er - durchaus auch mithilfe verschiedener Texteingriffe - als einheitliche Handlung in dem Sinne empfunden hat, in dem er bereits 1757 Kriemhildens Rache aus dem Kontext der Handschrift gelöst hat.

Bodmers Vorgehensweise ist dabei bei allen drei Balladen sehr ähnlich: er hält sich, was den Discours betrifft, in aller Regel an seine Vorlage und überträgt die Nibelungenstophe, die er als solche wohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt hat, in vierzeilige Strophen mit zumeist dreihebigen Versen. Gerade die Entwicklung von Bodmers Umgang mit dem Versmaß stellt ein in der Sekundärliteratur immer wieder diskutiertes Thema dar, denn Bodmer, der vor seiner Beschäftigung mit dem Nibelungenlied noch in barocken Alexandrinern dichtet, verwendet für seine Nach- und Umdichtungen nicht nur des Nibelungenliedes den Hexameter, dessen strengen Formen er aber bei der hier betrachteten Bearbeitung der Balladen nicht mehr einhält.
Das interessanteste Licht auf Bodmers Dichtungstheorie wirft jedoch der Inhalt seiner Balladen im Vergleich mit der Vorlage, deshalb richtet sich das Hauptaugenmerk der folgenden Betrachtungen auf diesen inhaltlichen Aspekt.

Sivrids mordlicher Tod (16. Aventiure)
Wie schon bei beiden Bodmerschen Fassungen von Kriemhilds Rache ist es auch bei den Balladen notwendig, die aus dem Kontext entnommenen Teile mit einer Einleitung zu beginnen. Genau dies tut Bodmer bei der ersten der drei Balladen in Form eines Vierzeilers, der aus einem Vers der Vorlage (912,4: "Hagne sine triwe sere an Sifride brach") entwickelt ist, wobei dessen letzter Vers inhaltlich schon zur ersten nachgedichteten Strophe (913) gehört:
"Wie Hagen seine Treue
Sehr an Sivriden brach,
Wollt ihr mich hören singen?

Hagen von Tronek sprach:"

Darauf folgen die Strophen 913 und 914, die mit einer bzw. zwei Strophen wiedergegeben werden. Strophe 915 bleibt dagegen unberücksichtigt; offenbar kann Bodmer mit dem Bild des sich vor Hagens Füße legenden Siegfried nichts anfangen. Ebenso ziehen sich die beiden Helden bei Bodmer nicht die Kleider vom Leibe; die entsprechenden Verse (917,1-2) bleiben ebenfalls unberücksichtigt. Die nächsten drei Strophen (918-920) werden relativ texttreu mit jeweils zwei Strophen bei Bodmer wiedergegeben; das Wissen um die Markierung von Siegfrieds verletzlicher Stelle, das gut 80 Strophen zuvor (846-847) bereits vermittelt worden war, muss Bodmer nun nachreichen, als Hagen dieses Zeichen auf Siegfrieds Kleidung sucht (921,4). Den nächsten beiden Strophen (922 und 923) entspricht wiederum jeweils eine Strophe bei Bodmer; und diese Stelle ist es auch, die, wie zuvor schon im Fragment um Siegfrieds verwundbare Stelle ein Übersetzungsproblem mit dem Wort herte bzw. eine Verwechslung mit dem Wort herc aufweist (vgl. dazu 922,3; 923,1 und 924,2).

Aus der vorhergehenden 15. Aventiure ist Siegfrieds verwundbare Stelle genau bekannt:
[(C) 909] „Do von trachen wnden vloz daz heize blvot/vñ sich dar inne badete d/er\ chuene reche gvot/do gehafte im zwischen herten ein lindenblat vil breit/da mac man in v/er\howen des ist mir sorge/n\ vil bereit.“
Nun wird Siegfrieds tödliche Verletzung beschrieben, die sich Bodmer aber falsch vorstellt, denn sein Speer "stekt’ in der Hüfte tief". Dabei handelt es sich allerdings nicht um die Übersetzung von herte, denn dieses Wort gibt er eine Strophe später mit Seite wieder, sondern, wenn überhaupt, um die Entsprechung des Wortes herzen, und damit um eine recht freie Übersetzung an einer Stelle, an der Bodmer offenbar mit der mittelhochdeutschen Konstruktion überfordert war.
Interessanterweise ist die Handschrift A die einzige der drei Handschriften, die an dieser Stelle zweinmal von herzen und einmal von herten spricht,  denn die anderen beiden Manuskripte weisen nämlich jeweils dreimal das Wort hercen auf; möglicherweise leiten sich daraus, zumindest zu einem gewissen Teil, Bodmers ungenaue Vorstellungen ab.

Die nächsten vier Strophen (925-928) gibt Bodmer jeweils mit zwei Strophen und relativ textgetreu wieder, während er die Strophen 929-31 mit gewissen Verschiebungen und kleineren Auslassungen nachdichtet. Die restlichen Strophen bis zu Siegfrieds endgültigem Tod werden entweder durch zwei (932-934 und 939) oder eine Strophe (935-938) wiedergegeben; die Nachdichtung beschließen zwei recht frei übersetzte Verse Bodmers, quasi als Analogie zum Beginn der Ballade: „Nicht Großmuth, nicht Milde und Treu/Rettete den herrlichen Ritter.“

Die wahrsagenden Meerweiber (25./26. Aventiure)
Auch diese Ballade bedarf einer Einleitungsstrophe, die - medias in res - die Ausgangssituation zusammenfassend darstellt:

„Als izt der König der Burgunden,
Die Kühnen und Lobesamen,
Die Fürsten und ihre Magen
Zur Donau dem Flusse kamen:“

Nach der folgenden Darstellung des zu lösenden Problems - die Überfahrt über die Donau - lässt Bodmer den Dialog zwischen Hagen und dem König aus und überträgt die folgenden fünf Strophen (1470-1473) entlang der Vorlage, während er die nächsten neun Strophen (1474-1484 mit Ausnahme der ausgelassenen Strophen 1478 und 1481) mit jeweils 2 Strophen wiedergibt. Die Strophen 1485-1488, die Vorstellung von Else und Gelpfart und die List zum Anlocken des Fährmanns, lässt Bodmer unberücksichtigt, und deshalb auch die Strophen 1490-1492, die von der Anwendung dieser List erzählen. Ebenfalls unberücksichtigt bleibt die Episode um Hagen und den Fährmann (1493-1510); Bodmers Ballade bedient sich der Strophe 1512 als Überleitung, um dann den Mordversuch an dem Kapellan (1514-1520) zu erzählen. Die Zerstörung des Schiffes nach der Überfahrt (1521-1525) bleibt dagegen wieder unberücksichtigt; dafür bedient sich Bodmer nun noch des Anfangs der 26. Aventiure, um die Handlung durch Hagens Mitteilung der Weissagung (1527-1530) abzurunden und die Ballade mit eigenen, moralisierend wirkenden Versen zu beenden:

„Ja, sagte ihm das Meerweib
Nur allzusicher wahr;
Sie dachten, daß ihre Ehre
Zum Gipfel gestiegen war,

Die nachher bey den Hunen
So jämmerlich erlag.
Den Reken kam da zu nahe
Ihr jüngster Urtheilstag.“

Der Königinnen Zank (14. Aventiure)
Hier fallen einmal mehr Auslassungen auf, die Bodmer offenbar auch in mäßigender Absicht vorgenommen hat. Diese Auslassungen betreffen vor allem die in der Handschrift recht ausführlich beschriebenen Wortwechsel zwischen den beiden Frauen, die auch schon in der Bearbeitung des entsprechenden Fragments festgestellt wurden. Dies betrifft vor allem die Strophen 772-774, in denen die bereits thematisierte Kontroverse zwischen Brunhild und Kriemhild nochmals vertieft wird, und die Verse 776-778, die die Ankunft der beiden Frauen mit ihrem Gefolge zum Thema haben. Nach weiteren kleineren Auslassungen fügt Bodmer zwei Schluss-Strophen an, in denen er die beiden Frauen sich umarmen lässt, um dann vorauszudeuten auf die sich anbahnende Katastrophe.

Bodmers Dichtungstheorie
Was an diesen Balladen sehr deutlich wird, ist, wie bereits bei den Fragmenten beschrieben, die Dichtungstheorie, die hinter Bodmers Umgang mit dem Originaltext steht. Vergegenwärtigt man sich nochmals die graphische Darstellung von Bodmers begrifflichem Konzept des Wunderbaren, verdichtet sich der Raum des Wahrscheinlichen zu dem Raum, in dem sich Bodmers immer wieder geschaffene Einheit der Handlung bewegt. Diese Einheit der Handlung bestimmt nicht nur die grundsätzlich Auswahl der edierten Textpassagen, sondern auch deren Be- und Umarbeitung, und nicht selten fallen diesem Konzept ganze Strophen zum Opfer, wenn sich diese nach Bodmers Verständnis inhaltlich zu sehr von der Haupthandlung entfernen.
Auch Bodmers Verständnis des Wunderbaren und vor allem die Grenzen desselben werden immer wieder deutlich, etwa, wenn zu abenteuerliche Details einfach weggelassen oder abgemildert werden, wie vor allem an Darstellungen von Kämpfen zu beobachten ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die ebenfalls in der Sekundärliteratur diskutierte Rechtfertigung des Wunderbaren in der Ballade der wahrsagenden Meerweiber anhand der Hexen in Shakespeares Macbeth; dieses Beispiel mag als Beleg dafür dienen, dass Bodmer durchaus auch in der Lage ist, seine eigenen Grenzen nach außen zu verschieben.

Bodmer und der Poetikstreit
Der bereits 1732 durch Bodmers Übersetzung von Miltons Paradise lost ausgelöste Poetikstreit hat sich bis zum Ende der 1750er Jahre entwickelt als eine Gegeneinander von zwei Möglichkeiten, sich mit historischen Texten in historischer Zeit zu beschäftigen.
Während Lessing bereits damit begonnen hat, genau jene Fragen zu stellen, die auch den meisten heutigen Literaturwissenschaftlern in den Sinn kommen würden und damit einen vergleichsweise modernen Umgang mit den alten Texten zeigt, will Bodmer die fremde Zeit einfügen in sein Konzept der Rezeption von Literatur und alten Texten. Er liest, in Anlehnung an die griechische Antike, und vor allem an Homer, das Nibelungenlied in der Perspektive der zeitgenössischen Epentheorie (vgl. Chriemhilds Rache und Klage).
Beide Perspektiven sind also konträr zueinander und schließen sich damit gegenseitig aus: Lessing prüft, wie er es schon bei den Fabeln tat, die alten Texte auf ihre Merkmale und Eigenheiten, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede, stellt Gattungstheorien auf und entwickelt Konzepte der Wirkungsästhetik. Bodmer, als Anhänger des englischen Modells, vertritt ein explizites, selbstbewusstes Schweizertum, das sich bei seiner Suche nach und Dokumentation von Identität für eine Aufwertung der Natur einsetzt, nach den eigenen Wurzeln sucht und dabei das Natürlich- Ursprüngliche als Ausdruck einer poetischen Hochzeit begreift, auch wenn diese, was vor allem für den Minnesang und das Heldenepos zutrifft, einer höfischen Kultur entstammt.

Die von Bodmer und Breitinger sowohl in ihren Schriften postulierten als auch in Bearbeitungen und Übertragungen umgesetzten Theorien vom Verständnis der mittelalterlichen Dichtungen betreffen verschiedene Bereiche der poetologischen Betrachtung.
Aus dem Umgang mit der Nibelungenhandschrift ergibt sich zunächst die bereits erwähnte, dem Klassizismus entstammende Idee einer Einheit der epischen Handlung.
Eng verbunden mit dieser Einheit der Handlung ist das Konzept des Wunderbaren und des Wahrscheinlichen, das ebenfalls dazu führt, dass Bodmer massive Texteingriffe vornimmt, wenn ihm zwar das Wunderbare gegeben scheint, in seinen Augen aber die Grenzen des Wahrscheinlichen überschreitet, was in Bezug auf das Nibelungenlied dann der Fall ist, wenn Mystik oder Schlachtengetümmel überhand nehmen.
Stark von der homerischen Dichtung beeinflusst ist dagegen Bodmers Umgang mit Metrik und Reimformen, was bedeutet, dass die metrische Eigenart des Nibelungenliedes nicht nur nicht als solche erkannt, sondern in Bodmers Bearbeitungen (besonders in Die Rache der Schwester (1767)) auch weitgehend zerstört wurde.
Der Vollständigkeit halber sei noch ein Aspekt erwähnt, der in der vorliegenden Betrachtung nicht berücksichtigt ist, nämlich der der Sprache der mittelalterlichen Dichtung und Bodmers Beschäftigung damit, angefangen von seinem autodidaktischen Erwerb mittelhochdeutscher Sprachkenntnisse bis hin zu seiner Anwendung derselben in selbstverfassten Versen.

Die erste vollständige Ausgabe des Nibelungenlieds (1782)
Die Tatsache, dass die erste vollständige Ausgabe des Nibelungenliedes zum einen erst kurz vor Bodmers Tod erfolgt und zum anderen von einem seiner Schüler vorgenommen wird, belegt nicht zuletzt, wie sehr Bodmer seine Schätze gehütet hat und wie wenig er sie seit Breitingers Tod 1776 mit anderen teilen kann. Nicht selten berichtet die Sekundärliteratur von Bodmers zunehmender Verbitterung und von seiner Sorge, sein Lebenswerk könne seinen Tod nicht überleben; zuweilen wird diese Mitteilung bekräftigt von der Anekdote um Bodmers schwarze Truhe, in der er seine Handschriften und Abschriften aufbewahrt.
Diese erste vollständige Ausgabe markiert aber auch den Endpunkt einer über viele Jahre währenden Auseinandersetzung mit Zeugnissen der Vergangenheit, eine literaturhistorische und philologische Entwicklung, die Bodmer stellvertretend für eine ganze Philologengeneration durchlaufen hat. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist der Beginn der modernen Mittelalter-Rezeption, die ursprüngliche Texte nicht mehr kürzt und umdichtet, sondern so ediert, wie sie vorgefunden wurden. Bodmer hatte Recht, als er die Handschriften als Zeugnisse einer vergangenen Zeit gesehen hat; er hatte nicht Recht, diese Zeit nach seinem Gutdünken zu glorifizieren und die Texte diesen Vorstellungen unterzuordnen.

Die moderne Rezeption des Nibelungenliedes beginnt also mit dieser ersten Gesamtausgabe, die in einer Auflage von 500 Stück 1782 herausgegeben wird, von denen in den ersten drei Jahren rund 300 Exemplare verkauft werden können.
Diese Ausgabe fasst Bodmers Lebenswerk am Nibelungenlied insofern zusammen, als ein Teil der Einleitung, das letzte Drittel und die Klage nach der Bodmer-Ausgabe von 1757 (Handschrift C) gedruckt sind, während der erste Teil die Bodmersche Abschrift der Handschrift A zur Grundlage hat. Diese Abschrift präsentiert den Text in jeweils in Fünferschritten durchnummerierten Langzeilen, obwohl Bodmer in der Zwischenzeit die Nibelungenstrophe als Versmaß erkannt und Müller den Vorschlag einer strophischen Gliederung gemacht hat. Auch fehlen in dieser Ausgabe Anmerkungen und Worterklärungen, sodass der des Mittelhochdeutschen wenig kundige Leser auch mit dieser Ausgabe nur wenig anfangen kann; bis zur ersten neuhochdeutschen Übertragung werden nochmals 25 Jahre vergehen.

Steht die Aufklärung zunächst in der Kontinuität des Humanismus und damit auch des Klassizismus, was per definitionem einen Ausschluss des Mittelalters mit sich bringt, begründen die Schweizer eine Umorientierung hin zum 'dem Anderen', von der französischen zur englischen Literatur und damit den Beginn einer Historisierung, die einerseits die Werte erkennt, die den alten Texten innewohnen, sich andererseits aber auch nicht scheut, genau diese alten Texte den zeitgenössischen Normativen zu unterwerfen und durch massive Eingriffe anzupassen. Das nach heutigem philologischen Verständnis nur schwer nachvollziehbare Weglassen von 24 der insgesamt 39 Aventiuren des Nibelungenliedes ist letztendlich nur damit zu erklären, dass Bodmer der ordo artificialis gehorcht, die bestimmt, dass ein Heldengedicht medias in res zu beginnen habe; deshalb kann er, wenn er das Heldengedicht in der Rache der Kriemhild erkennt, dessen zu lang geratene 'Einleitung' ignorieren und durch eigene Einleitungsverse ersetzen.

Eine historische Perspektive, wie sie von Thomas Blackwell formuliert und von Bodmer rezipiert wird, macht die Rezeption des Mittelalters überhaupt erst möglich und ebnet den Weg für die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende romantische Bewegung, die genau das postuliert, was auch Bodmers Anliegen ist: die Suche nach den eigenen Wurzeln in Kunst und Literatur des Mittelalters. Doch gerade deshalb muss Bodmers Wechsel zwischen historischer und ahistorischer Betrachtung und Behandlung des Gegenstandes, bei allen Verdiensten für die mittelalterliche Literatur, letztendlich in einem Zirkelschluss münden, weil er zugleich in den Texten verweilt, um aus ihnen seine historischen Erkenntnisse zu destillieren, und weil er diesen Texten, aus deren Innerem er sein historisches Bewusstsein schöpft, gleichzeitig von außen die zeitgenössischen Normativen überstülpt und sie dadurch zum Teil erheblich mutiliert. Das Nibelungenlied bietet dafür das beste Beispiel.

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