Interpretation: Der Gehülfe

Deutlicher noch als in den anderen beiden Romanen Walsers lassen sich in Der Gehülfe die autobiographischen Spuren des Autors nachvollziehen. Walser selbst hat vom Juli 1903 bis zum Jahresanfang 1904 als Buchhändler und Sekretär für den Maschinentechniker Dubler in Wädenswil am Zürichsee gearbeitet. Ähnlich wie der 24-jährige Joseph Marti im Roman hat Walser den Ruin seines Chefs beobachten können, bei dem es sich, dem Ingenieur Tobler im Buch entsprechend, wohl um einen prahlerischen, aber erfolglosen Erfinder gehandelt hat.

Mit der Einführung des kaufmännischen Gehilfen als Romanhauptfigur – zudem noch mit dem Verweis auf dessen vorherige Arbeitslosigkeit und der Beschreibung seines wenig heldenhaften Arbeitsalltags – entwirft Robert Walser ein vollkommen neues literarisches Genre: den Angestelltenroman. Von seinen Zeitgenossen hat Walser damit vor allem Franz Kafka beeinflusst, der in seinen Romanen ebenfalls das Arbeitsleben der niederen Angestellten beschreibt und, wie Walser, zu Beginn des 20. Jahrhunderts damit zunächst auf wenig Interesse bei seinen Lesern stößt.

Wiederentdeckt werden Robert Walser und sein Gehülfe dann in den 60er und 70er Jahren, als sich moderne Autoren vermehrt mit den Folgen des Spätkapitalismus und demzufolge auch mit dem Schicksal der arbeitenden Bevölkerung beschäftigen. Ausdrücklich auf Walser bezogen hat sich etwa der spätere Georg-Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, der sich mit seiner Trilogie Abschaffel ausführlich dem Angestelltenroman widmet.

Walsers Hauptfigur Joseph Marti zeichnet sich vor allem durch ihre große Sprunghaftigkeit aus. Kaum je findet der Gehilfe ein konstantes Verhältnis zu seiner eigenen Person, geschweige denn zu seiner Umwelt im Haus des Erfinders Tobler. Macht Joseph sich in einem Moment noch schwere Selbstvorwürfe, weil er das strauchelnde Unternehmen Toblers beim besten Willen nicht zu retten weiß, steht er dem Niedergang im nächsten Augenblick mit geradezu atemberaubender Gleichgültigkeit gegenüber. Joseph schwankt ständig zwischen Auflehnung und Unterwürfigkeit, zwischen guten Vorsätzen und faktischer Untätigkeit. Er nimmt sich vor, ein gutes Wort für Silvi, die von allen Haushaltsmitgliedern stets misshandelte Tochter Toblers einzulegen. Seinen Bemühungen fehlt es jedoch wieder einmal an Hartnäckigkeit: Joseph kann den Erfinder so wenig zu einem freundlichen Umgang mit der eigenen Tochter bewegen, wie er selbst den zunehmenden Wutanfällen Toblers etwas entgegenzusetzen hat.