Robert Walser / Biographie

Von Lars Witte

„Die Besonderheit Robert Walsers als Dichter besteht darin, dass er seine Motive nie ausspricht. Er ist der verdeckteste aller Dichter. Immer geht es ihm gut, immer ist er von allem entzückt. Aber seine Schwärmerei ist kalt, da sie einen Teil seiner Person auslässt, und darum ist sie auch unheimlich.“ (Elias Canetti)

In seinem erfolgreichsten Roman Jakob von Gunten legte Robert Walser seinem Helden ein eigentümliches Motto in den Mund: „Klein sein und klein bleiben.“ Treffender ließen sich auch Leben und Werk des Schweizer Schriftstellers selbst nicht zusammenfassen: Walser betrieb – ob nun aus freien Stücken oder nicht – die Selbstverkleinerung als Kunstform. Nachdem er es vor dem ersten Weltkrieg als aufstrebender Schriftsteller in Berlin noch in drei Jahren auf ebenso viele Romane gebracht hat, wendet er sich späterhin zunehmend kleineren Prosaformen zu, die auch seine Leserschaft und damit sein Einkommen schrumpfen lassen. Walser gibt die literarischen Salons der glamourösen deutschen Hauptstadt auf und zieht zurück in die Schweiz, wo er in einer Reihe von kleinen und kaum möblierten Zimmern lebt – und 1929 in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Selbst Walsers Schrift verschwindet. Der Autor schreibt in kleinstem Sütterlin, dessen Buchstaben schließlich kaum mehr als einen Millimeter hoch sind. Seinen letzten Roman Der Räuber bringt er auf gerade einmal 24 Seiten seines Oktavheftes unter. Zu Lebzeiten ist Walsers Rückzug erfolgreich; er gerät weitestgehend in Vergessenheit. Heute dagegen besteht kaum ein Zweifel: Dieser seltsam auf Winzigkeit bedachte Autor zählt zu den größten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.

Geboren wird Robert Walser am 15. April 1878 als siebtes von acht Kindern in Biel im Kanton Bern. Sein Vater ist ein erfolgloser Buchbinder, dem es kaum gelingt, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Mutter Elisa ist gemütskrank; immer wieder zieht sie sich depressiv für einige Tage aus dem Familienleben zurück, um dann wütend und vorwurfsvoll wieder aus ihrem Zimmer zu kommen. Von ihren Kindern fühlt sie sich gleichermaßen in ihrer Ruhe gestört wie auch vernachlässigt. Die Stimmung unter den Geschwistern ist trotz der finanziellen Lage und dem bedenklichen seelischen Zustand der Mutter gut. Die Walser-Kinder sind ein fröhlicher und aufgeweckter Haufen: kaum jemand wird Robert Walser in seinem Leben so nahe stehen wie sein Bruder Karl und seine Schwester Lisa.