Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

Irgendwie geht es bei Goethe immer ums Erwachsenwerden, und das heißt: Sich-Arrangieren mit den Regeln der Gesellschaft. Weigert sich einer, wie Werther, Egmont oder Tasso, dann geht er ziemlich kläglich zugrunde. Gelingt es, baut er zum Schluss Deiche.

So ähnlich auch im Wilhelm Meister. Wilhelm hat den Wunsch, "mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden", und läuft zu diesem Zwecke vom braven Elterhaus weg zu einer hübschen Schauspielerin und in die Welt des Theaters. Das ist zunächst einmal ein Schritt weg von bürgerlicher "Ordnung und Reinlichkeit" hin zu "wilder Unordnung" und "verworrene[r] Wirtschaft", der er jedoch einen gewissen Reiz abgewinnt, "den er in seiner stattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte." Gleichzeitig – und damit ist ein Hauptmotiv des Romans benannnt – bewegt er sich auch in ökonomischer Hinsicht weg von geordneten hin zu höchst verworrenen Verhältnissen. Denn dass seine Mariane gleichzeitig die ausgehaltene Geliebte eines reichen Kaufmanns ist, verweist gleich zu Beginn auf das Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Kunst als zwei nur scheinbar diametral entgegengesetzte Pole, denn nirgends wird die ökonomische Bedingtheit der Kunst deutlicher als im Theater sichtbar; nirgends steht der Aufwand an Menschen, die leben wollen, und Material (Bühne, Dekoration, Kostüme) in einem so krassen Missverhältnis zur Nützlichkeit, wie auf der Bühne. Theaterkunst lebt – wie letztlich alle Kunst – ganz besonders davon, sich für den schönen Schein bezahlen zu lassen; und das rückt die Kunst von vorneherein und in der Figur der Mariane ganz explizit in die Nähe der Prostitution.

So erweist sich Wilhelms Weg, auf dem er sich eigentlich ausbilden will, als ein zwar interessanter, doch nicht ungefährlicher Umweg. Denn wenn auch die Enttäuschung über Marianes Doppelleben nicht ausbleibt, so ist Wilhelm noch lange nicht so weit, in dieser Situation die dem ganzen Kunstbetrieb innewohnende Problematik zu erkennen; er kehrt deshalb nicht reumütig in seine eigene Sphäre zurück, sondern bleibt zunächst und für eine lange Zeit dem Theater, sprich: der Welt des Scheins, treu. Doch in Melinas Truppe – im Grunde genommen ein arges Schmierentheater – herrscht die finanzielle Misere. Eigentlich war Wilhelm den ökonomischen Zwängen davongelaufen, hier holen sie ihn wieder ein.

Gleichzeitig ist die Theatertruppe aber eine Gesellschaft im Kleinen, ein Modell zur Einübung sozialer Verhaltensweisen, in der Mignon und der Harfner die Rolle der 'Künstler' übernehmen. Im Vorwurf Melinas gegen den Harfner kommt schon das Urproblem im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft zum Ausdruck: nämlich dass der Künstler sehr leicht in den Verdacht des Schmarotzertums gerät: "'Soviel weiß ich', sagte Melina, 'daß uns dieser Mann in Einem Punkte gewiß beschämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Uns [...] bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen.'"