Johann Wolfgang Goethe: Interpretation "Torquato Tasso"

Zweifellos verarbeitet Goethe im Tasso seine eigenen Erfahrungen am Weimarer Hof. Über die Beurteilung des französischen Kritikers J. J. Ampère äußert er später gegenüber Eckermann: "Wie richtig hat er bemerkt, daß ich in den ersten zehn Jahren meines weimarischen Dienst- und Hoflebens so gut wie gar nichts gemacht, daß die Verzweiflung mich nach Italien getrieben, und daß ich dort mit neuer Lust zum Schaffen die Geschichte des Tasso ergriffen, um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von demjenigen frei zu machen, was mir noch aus meinen weimarischen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches und Lästiges anklebte. Sehr treffend nennt er daher auch den Tasso einen gesteigerten Werther." (2. Mai 1827)

Und ebenfalls nach dem Bericht Eckermanns sagte Goethe auf die Frage, welche Idee er "darin zur Anschauung zu bringen gesucht" habe: "Idee? [...] – daß ich nicht wüßte! – Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte meine eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammentraf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiteren Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara, und ich kann mit Recht von meiner Darstellung sagen: sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch." (6. Mai 1827)

Sicher ist Tasso eines der Stücke Goethes, in denen äußerlich am wenigsten geschieht. So ist die Sprache weniger Mittel als eigentlicher Gegenstand des Dramas; das nahezu gänzliche Fehlen einer Handlung ist Absicht. Denn der diametrale Gegensatz von Handeln und Sprechen, von Tat und Kunst ist das eigentliche Thema des Stücks.

Tasso glaubt in der Bekränzung mit dem Lorbeer – der ja ebenso für Sieg im Kriege wie als Auszeichnung im Dichterwettstreit dienen kann – eine antikische Synthese von Held und Dichter gewonnen zu haben, was sich in seinem Fall als gravierender Irrtum herausstellen soll. Das Erscheinen Antonios, dessen Welt bestimmt ist von Wirken, Erfahrung und Tätigkeit, relativiert einerseits die Kunstidylle Tassos und seiner Damen; andererseits zeigt Antonio keine geringe Borniertheit dem Künstlerischen gegenüber. In seiner Aussage über den Papst kommt die eigene Anschauung über die Rolle des Geistes zum Ausdruck: "Er ehrt die Wissenschaft, sofern sie nutzt [...] / Er schätzt die Kunst, sofern sie ziert [...]" (I, 4).